Sebastian Heinz | Drucken05.12.2018 

Crime Story, Hip-Hop-Kultur und Gossip

Lesung zum Hörbuch „Das allerletzte Interview“ von Visa Vie im Täubchenthal

visa-vie-das-allerletzte-interview_893.jpg

Das Clubzimmer des Täubchenthals ist an diesem Montagabend mit rund 100 Besuchern gut gefüllt. Die Autorin ist allerdings – wenn auch dieses Hörbuch ihr Debüt als Schriftstellerin ist – zumindest in der Hip-Hop-Szene keine Unbekannte. Visa Vie hat über Jahre zahlreiche einflussreiche Internetformate wie beispielsweise „16bars“ oder „Zum goldenen V“ als Moderatorin geprägt, und ist so zu einem der bekanntesten weiblichen Gesichter der Szene geworden. Nun stellt sie also zum Jahresende ihr exklusiv für Spotify produziertes Hörbuch „Das allerletzte Interview – eine Crime Story“ im Rahmen ihrer Lesetournee auch persönlich in Leipzig vor.

Zu Beginn sitzt die Autorin mit dem Rücken zum Publikum und liest die ersten Sätze des ersten Kapitels. Man wird mit Klara – der Heldin des Buches – bekannt gemacht. Nach diesem Einstieg verlässt die Lesung rasch die klassische Form des reinen Vortragens. Ein Umstand, der sich durchweg positiv auf den weiteren Verlauf der Veranstaltung auswirkt, denn es werden neben Eindrücken vom Hörbuch oftmals unmittelbare Einblicke auf die Autorin und ihr Schaffen ermöglicht. Visa Vie spricht viel und anschaulich über ihr Lampenfieber oder die Mühen des Schreibprozesses, untermalt dies mit mehreren Making-of-Videos und Geschichten über gescheiterte Schreibreisen, beispielsweise nach Barcelona.

Aber alles der Reihe nach: kurz zusammengefasst handelt das Hörbuch von einer psychisch kranken jungen Frau, die das Ziel hat, den bekanntesten Rapper Deutschlands zu ermorden, und dafür Moderatorin bei einem Hip-Hop-Magazin wird. Um an ihr potentielles Mordopfer zu gelangen, muss sie sich in Interviewform durch die deutsche Hip-Hop-Szene kämpfen und begegnet auf diesem Weg immer wieder mehr oder weniger skurrilen Menschen und Situationen.

Wie bereits angedeutet nimmt die rein inhaltliche Wiedergabe des Hörbuches im Rahmen der Lesung letztlich keinen großen Raum ein. Vielmehr dürfen auch auf Grund des Themas in der Lesung Musik-Referenzen nicht fehlen, und im Rahmen eines Quiz wird das Rap-Wissen des Publikums getestet, wobei richtige Antworten mit Schnaps von der Bar belohnt werden.

Nach ausgiebiger Raterei folgt eine kurze Pause, und im zweiten Teil des Abends holt sich Visa Vie dann Verstärkung auf die Bühne, um einen dramatischen Dialog zwischen Klara und dem bekanntesten Rapper Deutschlands zu lesen. Ein gelungener Wiedereinstieg, der die Dramatik der Situation dem Publikum auf diese Art sehr anschaulich nahebringt.

Den größten Raum nimmt im zweiten Teil das Q & A zwischen Autorin und Publikum ein. Das Angebot Fragen stellen zu dürfen stößt auf reges Interesse, und so offenbart Visa Vie auch Zukunftspläne über eine eventuelle Verfilmung des Stoffes, stellt eine weitere Staffel in Aussicht und erzählt ihre teils schockierenden Erfahrungen, die sie im Laufe ihrer Karriere mit Stalkern gemacht hat. Am häufigsten wird an dem Abend jedoch die Frage gestellt, wie viel selbst erlebte Erfahrungen in dem Buch verarbeitet wurden.

Sicherlich ein Punkt, der das Hörbuch sehr interessant macht. Es ist einfach ungemein spannend sich bei all den fiktiven Rappern und anderen Szeneleuten, die im Buch vorkommen, zu überlegen, welche real existierende Person hier wohl als Vorbild gedient hat. Ein Umstand mit dem die Autorin während der Lesung wie auch im Buch bewusst zu spielen vermag.

Nach über drei Stunden geht die Veranstaltung im Täubchenthal dann zu Ende. Das Publikum hat eine ausgesprochen interaktive Lesung erlebt, in deren Verlauf man viel über das Seelenleben der Autorin, ihre Arbeitsweise und ihre Erfahrungen als Journalistin im Bereich Rapmusik erfahren konnte. Die häufige Einbeziehung des Publikums, sei es in Form von Spielen oder von Fragerunden, stellt dabei meiner Meinung nach eine sehr interessante Herangehensweise an eine Lesung dar, die im Falle von Visa Vie in einen so kurzweiligen wie abwechslungsreichen Abend gemündet ist.

Das allerletzte Interview

Lesung von Visa Vie

3. Dezember 2018, Täubchenthal


Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

David-Bowie-Musical

Das Schauspiel Leipzig zeigt das David-Bowie-Musical "Lazarus". Nächste Aufführungen sind am 21. und 26. Juni auf der Großen Bühne.

Fête de la musique

Zum achten Mal findet in Leipzig die Fête de la musique statt. Mehr als 70 Musikerinnen und Musiker treten am 21. Juni an zahlreichen Orten in der Stadt auf.

Open-Air-Kinos

Kinovorstellungen unter freiem Himmel laufen im Juni auf der Feinkost (www.kinobar-leipzig.de/sommerkino) und in der Spinnerei (www.luru-kino.de). Die Vorstellungen starten zwischen 20:30 und 22 Uhr. Eintrittskarten sind ab 5 Euro zu haben.

Prinz Friedrich von Homburg

Eine weitere Vorstellungen von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" am Schauspiel Leipzig gibt es am 22. Juni.

Feuerwerk in der MuKo

Regisseur Axel Köhler lässt Paul Burkhards "Das Feuerwerk" in Leipzig vor dem Mauerfall spielen. Nächste Aufführung in der Musikalischen Komödie ist am 21. Juni.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Rubrik für junge Autorinnen und
Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Texte zum Schreibwettbewerb Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Newsletter

Mit dem Newsletter informieren wir Sie einmal im Monat über die neuen Texte im Leipzig-Almanach. Das Abo können Sie jederzeit kündigen. Ihre E-Mail-Adresse geben wir ausschließlich zum Versand an die sichere Software Newsletter2Go weiter.