Roland Leithäuser | Drucken22.03.2002 

Ein Abend mit Heldenplatzgeschrei

Franzobel liest aus "Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit"

Auf dem Weg zum Volkshaus auf der Karl-Liebknecht-Straße beginnt es zu regnen. Der Rezensent schlägt den Kragen hoch und passiert nacheinander die Stadtbibliothek und den hellerleuchteten Hauptsitz der Leipziger Volkszeitung. Vor beiden Häusern gewahrt er lange Menschenschlangen, die um Einlaß begehren. Heute abend werden Günther Grass und die frisch gekürte Buchpreis-Trägerin Christa Wolf aus ihren neuen Werken lesen.

Beinahe möchte den Rezensenten ein Gefühl von Minderwertigkeit beschleichen, befindet er sich doch auf dem Weg zur Lesung eines viel unbekannteren Autors. Wenn auch eines Vielgelobten, immerhin. Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren ist der österreichische Bachmannpreisträger Franzobel im Volkshaus zu Gast. Erst vor kurzem ist sein neuer, wiederum vielgelobter Roman Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit bei Zsolnay in Wien erschienen. Der Wettbewerb der vielen Lesungen an diesem Abend ließ die Befürchtung zu, der Mittdreißiger Franzobel müsse vor einem Kreis Eingeweihter lesen, während die Mittsiebziger Grass und Wolf vor einer stadionähnlichen Kulisse ihr Werk zum Besten geben dürften. Diese Befürchtung erfüllt sich jedoch nicht, auch das Volkshaus ist bis auf den letzten Platz besetzt.

Der Dichter läßt sich Zeit. Viertel nach Acht schließlich wird er angekündigt. Es ergeht die Warnung, alle Mobiltelefone für die Zeit der Lesung abzuschalten, denn gemäß des Titels von Franzobels neuem Buch müsse auch ein Handyklingeln an diesem Abend als Gemeinheit aufgefaßt werden. Der Rezensent muß sich von seinem Platz erheben, um das Antlitz des Vielgerühmten zu erhaschen. Franzobel hatte sich vorher unter das Publikum gemischt und am Büchertisch sogar scheinbar interessiert in seinen eigenen Werken herumgeblättert, fällt dem Rezensenten da auf. Sympathisch. Und so beginnt die Lesung.

Eingangs bemüht sich der Autor freundlich aber unbestimmt, sein Pseudonym aufzuklären. ?Franzobel?, so Franzobel, leite sich ab aus dem Ergebnis eines Fußballspiels zwischen Frankreich und Belgien. Das Endergebnis des Spiels: Frankreich Zwo, Belgien Null. Der erste Lacher ist ihm damit zwar sicher, doch der Dichter gibt sich kryptisch. Auch andere Erklärungen zum Ursprung seines Namens müßten in Betracht gezogen werden.

Dann beginnt er endlich, aus seinem neuen Roman vorzulesen. Mit Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit hat der Österreicher Franzobel eine poetische tour de force vollbracht, die an vielen Orten spielt und doch nur einem Platz entgegenstrebt. Die im frühen Kindesalter verstorbene Rosalie macht sich achtzig Jahre nach ihrem Tod auf den Weg, ihrer unerlösten Seele endlich himmlische Ruhe angedeihen zu lassen. Ihr Weg führt sie von Buenos Aires über Palermo und das ostdeutsche Werra nach Wien, wo sie sich im Körper einer Frau namens Elvira Klappbauch niederläßt. Diese globale Seelenwanderung samt Versprechen auf eine bevorstehende Himmelfahrt dient Franzobel allerdings nur als Rahmenhandlung für eine Vielzahl von heiter-grotesken Episoden, die sich mit dem Leben und Sterben skurriler Persönlichkeiten auseinandersetzen. Dabei werden Lektionen aus der ?Schule der Gemeinheit? vorgestellt, die allesamt von Defiziten der Menschen im Umgang miteinander handeln. Getreu dem im Roman an einer Stelle gebrauchten Motto, ?Das Unglück der Anderen, es beflügelt?, ergötzt sich der Autor an der Mangelhaftigkeit seiner Protagonisten und widmet ihnen wortreiche Exkurse, die voller lautmalerischer Poesie das Scheitern zum Prinzip erheben und keine Peinlichkeit der Handelnden unausgesprochen lassen.

So geht es beispielsweise der fülligen Wienerin Pasqualina, die während einer Feierstunde der Freiheitlichen Partei auf dem Heldenplatz die Asche ihres jüngst verstorbenen Vaters, eines alten Wiener Nazis argentinischer Herkunft, auszustreuen gedenkt. Der aufkommende Wind jedoch treibt des Vaters sterbliche Überreste zwei FPÖ-Abgeordneten ins Gesicht, die sofort einen Anschlag unnationaler Elemente vermuten müssen. Zugleich ruft der Autor eine Episode aus dem Leben einer Freundin Pasqualinas in Erinnerung: auch die Freundin wollte die Asche ihres Vaters verstreuen an dem Platz, der ihm am meisten bedeutet hätte. Nur war es in jenem Fall das erste Klärwerk von Buenos Aires, das der Vater gebaut und über dem er den Weg alles Irdischen gehen wollte. Das Publikum im Volkshaus ist schnell in den Bann solch absurd-komischer Geschichten gezogen.

An diesem Abend legt Franzobel noch gekonnt nach, indem er auf hohem Niveau den schlechten Zustand der Welt im allgemeinen und speziellen begrantelt. Da gelingt ihm eindrucksvoll ein quasi-philosophischer Diskurs bei der profanen Schilderung eines mit Exkrementen beschmierten Abortes in einem Wiener Hinterhof; da zeichnet er kunstvoll, wenngleich kalkuliert den Weg eines jungen Menschen zum Polizisten nach und konstatiert dabei lakonisch, daß wohl alle Polizisten dieser Erde einen Schnauzer tragen. Die Beschreibung des Alltäglichen wird ihm mitunter zum Choral, der Wutausbruch zum Gebet, die Trauer zum Hymnus, so zum Beispiel bei der eingangs beschriebenen Heldenplatz-Szene, bei der die Handelnden in ihren Dialogen immer wieder unterbrochen werden von Versprengseln der Nationalhymne. ?Vielgerühmtes Österreich? entfährt es da Franzobel in beinahe schon Bernhardscher Manier, und der intendierte Verfremdungseffekt tut seine volle Wirkung. Die literarische Reise in Lusthaus endet in Wien, und doch beginnt der Roman eigentlich erst dort, seine tiefkomische Handlung zu entfalten. Eine Haßliebe zu seinem Land ist auch bei Franzobel als festes Werkmotiv immanent und evident. Selbst in Augenblicken des Hasses und der Verachtung aber zeichnet er sich durch eine Sprache aus, die leichter als Luft zu sein scheint und doch den zu treffen vermag, der hier literarische Subversion vermutet.

Am Schluß tosender Beifall, der kleine Büchertisch wird gestürmt zwecks anschließender Signierstunde. Franzobel bleibt noch einen Augenblick am Lesetisch sitzen und sinniert. Es schien bisweilen an diesem Abend, als sei diesem großartigen Schriftsteller der eigene Erfolg bisweilen selbst etwas unheimlich.

Franzobel: Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit
22. März 2002, Volkshaus Leipzig

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