Tobias Prüwer | Drucken17.06.2010 

Literatur für Augen und Ohren

Das Sommerwetter lockt hinaus in die Natur, um in schöngeistiger oder spannender Literatur zu versinken. Ein kleiner Griff in die Bücherkiste

Verheißungsvoller Süden: Dieter Richter schreibt die Geschichte einer Himmelsrichtung

Der Trend geht zum Zweitbuch
anonym

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Tim Herden: Gellengold

Einen für Strand und Gebirge, Land- und Stadtluft tauglichen Krimi – weil spannend und kurzweilig – bietet Gellengold. Der Plot klingt auf den ersten Blick stark nach Klischee. Um sich den Stress in der Hauptstadt als Polizist nicht weiter zu geben, bittet Hauptkommissar Stefan Rieder um Versetzung auf die Insel Hiddensee. Hier gelten Fahrradfahrer ohne Licht schon als Verbrecher – mehr ist aber auch nicht los und die Erholung eigentlich garantiert. Rieder und der Inselsheriff, in Süddeutschland würde man ihn einen Grantler nennen, ringen um die Kompetenzen – Wer darf das Elektroauto fahren? – da wird ein Toter gefunden. Schnell stellt sich heraus, es ist Mord. Nur eine alte Goldmünze dient als Spur. Wenn die Geschichte erst einmal Fahrt aufnimmt, dann erleben die LeserInnen ein paar Überraschungen. Sprachlich ist das Buch manchmal etwas schlicht ausgefallen, für eine Gebrauchslektüre aber mehr als in Ordnung. Wer schon einmal auf Hiddensee war, wird so manchen Ort der Handlung wieder erkennen oder sich an den kleinen Verfremdungen erfreuen, die eine fiktionale Geschichte mit sich bringt. Und das Buch macht einfach so große Lust aufs Wasser, dass die Lektüre mindestens hinaus an den See hinaustreibt.

Tim Herden: Gellengold

Mitteldeutscher Verlag

Halle – 2010

176 S. – 9,90 €

www.mitteldeutscherverlag.de

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Bram Stoker: Das Schloss des weißen Lindwurms

Hineinspaziert ins Gruselkabinett: Schauriges tut sich in der englischen Grafschaft Lesser Hill, als der Adam Salton von Australien zum alten Familiensitz zurückkehrt, wo er künftig sein Erbe antreten soll. Es ist eine Gegend, deren mythische Geschichte in die Vorzeit zurückreicht. Mancher Bewohner scheint etwas verschroben, aber da ist ja noch Lady Mimi, die Adam sofort in ihren Bann schlägt. Nur was hat es mit der alten, seeumspülten Burg auf sich?

Diese atmosphärisch dichte Hörspielinszenierung setzt im besten Sinne auf das alte, polyphone und mit Geräuschen angereicherte Medium Hörspiel, statt dem Trend der oft lieblos hingeworfenen Hörbücher zu folgen. Dass man zu diesen steht, ist schon dem schrecklich-schönen Cover zu entnehmen, dessen kitschiger Inszenierung man sich kaum entziehen kann. Effektvoll, ohne die HörerInnen zuzuballern und akustisch zu überfordern, entfaltet sich Bram Stokers Geschichte im Midtempo. Diese angemessene Geschwindigkeit lässt es zu, dass sich das Grauen ganz allmählich entwickeln kann, um schlussendlich nur unbarmherziger zuzugreifen. Hier wurde nicht versucht, eine Story auf Biegen und Brechen zu modernisieren, man ist ihr mit Achtung begegnet und hat daraus ein feines Hörstück geschaffen.

Bram Stoker: Das Schloss des weißen Lindwurms

Titania Medien

Leverkusen – 2009

65 Min. – 10,99 €

www.titania-medien.de

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Dieter Richter: Der Süden

Keine andere Himmelsrichtung und kein geografisches Wort sind so verheißungsvoll, lösen solche Erwartung aus wie der Süden. Spanien und das Mittelmeer, Karibik oder gleich die Südsee: »Ab in den Süden« ist zum Synonym geworden für Urlaub, Sommer, Sonnenschein. Einfach mal raus aus dem grauen Alltag lautet das Motto, das Leben genießen und ein paar Tage selbst auf der Sonnenseite wandeln.

Die Prägung auf den Süden ist in den westlichen Kulturen uralt, wie sich in Dieter Richters prächtigem Buch »Der Süden« erfahren lässt. Lange Zeit wusste die Antike Welt nicht viel vom Süden, der Großteil von Afrika galt als unbekanntes land, terra incognita. Das aber beflügelte die Fantasie umso mehr, und diese leere Welt wurde mit Imaginärem gefüllt. Fabelhafte Wesen finden sich bereits bei Herodot, himmelstürmende Drachen wurden in die Länder des Südens hineingedichtet, ein ganzer Untierzoo erdacht. Im Mittelalter bildete der Süden die gnadenversprechende Himmelsrichtung und zog Pilgerströme an. Schließlich wurde er Ziel der romantischen Reisebegeisterung, die bis heute ungebremst anhält. Goethes sinnbildliches »Land, wo die Zitronen blühn«, blieb nicht lange auf Italien beschränkt und verkündet seitdem touristische Wonnen. Legt man Richters Buch nach der erquicklichen Lektüre beiseite, ist man sogar über die drei anderen Himmelsrichtungen ein bisschen schlauer.

Dieter Richter: Der Süden. Geschichte einer Himmelsrichtung

Wagenbach Verlag

Berlin – 2009

218 S. – 24,90 €

www.wagenbach.de

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Elmar Schenkel: Cyclomanie

Alltagsfahrzeug und Vergnügungsmobil: „Es war das Fahrrad, das uns in das eigentliche Erbe des technischen Grundgedankens, der im Rad verkörpert ist, erst voll einsetzte. Dieses jüngste und letzte Räderwerk, das auf dem Boden rollt, ist auch der echteste Sprosse des Radgeschlechtes, reines Vollblut neben den nützlichen schweren Ackergäulen von Locomotive oder Omnibus, der Urgedanke des Rades in feinster Zuspitzung.“ In nicht gerade unpathetische Worte goss der Kulturwissenschaftler Michael Haberlandt 1900 die Faszination am Fahrrad. Dieses wagt man aufgrund seines simplen Mechanismus kaum Maschine zu nennen, ist es doch vielen seit Kindertagen vertraut. Vermehrt dient das Fahrrad nun wieder als Transportmittel durch den Alltag. Als Freizeitvergnügen, zum Sporttreiben und Radwandern wurde das Velo in den letzten zehn Jahren auch von der breiten Masse entdeckt. Nicht zuletzt ist es zum Sinnbild für die Leichtigkeit des Seins geworden: „Das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nie.“ Elmar Schenkel ist dem Fahrrad in der Literatur nachgegangen und hat einen sehr lesenswerten, klugen und pointierten Essay über die Lust am Zweirad geschrieben. Man staunt, wie viele Seiten man diesem abgewinnen kann. Das Wichtigste aber ist: Gerade auf dem Rad kann man Menschsein. So wie Simone de Beauvoire die gemeinsamen Radausflüge mit Jean-Paul Sartre beschrieb:

Beim Radfahren wechseln das Tempo und die Beanspruchung der Muskeln. Es machte ihm Spaß, bergauf zu sprinten. Ich pustete, weit abgeschlagen, hinterher. Auf ebenen Strecken radelte er so sorglos dahin, daß er ein paar Mal im Straßengraben landete. ... Wie ich liebte er die Fröhlichkeit der Abfahrten. Auch veränderte die Landschaft sich viel schneller als beim Wandern. Gerne tauschte ich dies neue Vergnügen gegen meine frühere Leidenschaft ein.

Elmar Schenkel: Cyclomanie. Das Fahrrad und die Literatur

Edition Isele

Eggingen – 2008

173 S., 13 €

www.edition-isele.de

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Gitty Daneshvari: Das Geheimnis von Summerstone – Die furchtlosen Vier

Jeder hat vor etwas Angst: Aber manchmal bestimmen die Phobien so sehr den Alltag, dass man Abhilfe schaffen muss. So kommen die aus Angst um Insekten im Giftnebel umhergehende Maddie, der panisch Wasser meidende Garrison, der tod-ängstliche Theo und Lulu, die es in geschlossenen Räumen nicht hält, in das geheimnisvolle Phobinasium der Mrs. Wellington. Dort lernen sie alles, was eine Schönheitskönigin wissen muss, aber nichts über ihre Ängste – bis Mrs. Wellington nicht mehr unter den Lebenden weilt und sich das phobische Quartett von der Außenwelt abgeschieden seinen Macken stellen muss.

Das erfolgreiche Kinderbuch liegt nun in einer ansprechenden Hörbuchfassung vor. Kein geringerer als Ingo Naujoks konnte gefunden werden, um den Text einzulesen. Wem dieser als Hypochonder Martin Felser aus dem Hannover-Tatort bekannt ist, der hat eine Vorstellung, wie gut Naujoks diese Lektüre über Angst, Panik und Verzweiflung vortragen kann. Besonders gut gelingt dies, wenn er den zittrigen Theo sprechen lässt. Doch nervt das Näseln auf die Dauer und man wünscht sich, dass eine zweite Sprecherin/ein zweiter Sprecher einen ruhigen Gegenpol zum fiebrigen Naujoks geschaffen hätte. Ein Makel an dieser sonst auch als Hörbuch funktionierenden Geschichte.

Gitty Daneshvari: Das Geheimnis von Summerstone – Die furchtlosen Vier

Random House Audio

München – 2010

304 Min. – 19,95 €

www.randomhouse.de

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