Ulrike Böhm | Drucken17.05.2010 

Literatur mit Hauptgang und Dessert

Sonja Ruf hat einen Roman und eine Erzählung um die Liebe vorgelegt – in einem Band

Sonja Ruf hat uns ein neues Buch beschert. Erste Lieben ist Anfang 2010 im Konkursbuchverlag erschienen. Für sich genommen und erst recht zusammen mit den Zeichnungen von Gabriela Frančik ein wahres Kleinod, dem man viele Lesende und viele Auflagen wünscht. Das Buch enthält eine längere („Offene Zeit“) und eine kürzere („Frauen in Muschelkalk“) Erzählung, beide bleiben nach der Lektüre in Erinnerung und sind doch keineswegs aufdringlich.

Genau genommen beginnt die Offene Zeit acht Jahre, bevor die Protagonistin der Erzählung geboren wird. Oder, als sie fünf Jahre alt war. Beziehungsweise sechzehn, als sie sich in ihren Bruder verliebt, der gar nicht ihr Bruder ist. Indem wir die Geschichte lesen, werden wir Zeugen von Tinas Leben und ein wenig die Voyeure ihrer ersten Liebe, die den roten Faden der Erzählung bildet. Es geht nicht um Inzest und nicht um schwülstige Leidenschaft, so dass man sich ruhigen Gewissens zurücklehnen kann, um einfach nur zu verfolgen – dies vor allem mit der eigenen Phantasie. Der Erzählstil lässt viel zu, ist nie aufdringlich, wirkt leicht, ohne banal zu sein. Die Erzählebenen wechseln, ohne dass man es merkt. Dagegen hat man das Gefühl, das alles schon mal irgendwie erlebt zu haben. „Ich liebe ihn so, dass ich schiele.“ Wer kennt das nicht?

Der, der so geliebt wird, heißt Sebastian und ist wahrscheinlich der schönste Mann der Welt. Er kann einfach alles, und er besitzt einen selbst ausgebauten Vierseithof auf dem Lande. Die Frauen liegen ihm zu Füßen, in seinem Bett, auf seinem Dach. Überall. Tina versteht das und versteht es nicht. Aber da er sie sowieso verstoßen hat, wendet sie sich dem zu, was bleibt. Das ist nicht viel. Gleichwohl, sie kann sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen (in Frankfurt am Main), und lässt sich von nun an bei ihrem zweiten Vornamen Amelia nennen. Und natürlich geht sie nicht zu Sebastians Hochzeit mit Rosi und auch nicht zu Rosis Beerdigung. – An dieser Stelle traut man Sonja Ruf auch einen großen Kriminalroman zu, so spannend wird erzählt.

Als Tina klein war, vielleicht fünf, nahm (ihr Bruder) Sebastian sie oft mit ins Freibad – da war er auch schon von den Mädchen umlagert, von Rosi, von Gabriela, von Frauke. Man schwamm und tauchte zusammen und kümmerte sich gemeinsam um die kleine Tina. Rosi, Gabriela, Frauke tauchen, erwachsen geworden, alle noch einmal auf, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne. Skizzierte Leben und Lieben, die sich um die erste Liebe von Tina Amelia ranken. Mehr soll nicht verraten werden. Die Leserin/den Leser erwartet ein großes Vergnügen. Es ist eine Erzählung für alle Liebenden, das Ende ist gut, damit ist alles offen. Das Ende ist aber auch offen. Und damit gut.

„Frauen in Muschelkalk“ sind die Protagonistinnen der gekonnten Miniatur, die der Haupterzählung folgt, ihre Nachbarin, die früher Irrenärztin war, eine vermutlich kerzenförmige Schlossgeistin und zwei Nonnen, die sich vor Hunderten von Jahren haben einmauern lassen. Zentrale Frage: Worauf warten diese Frauen? Die Antwort liegt auf der Hand, natürlich warten sie auf die erste Liebe. Die kommt dann auch daher für eine von ihnen, dabei spielt – sehr aktuell – der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche eine nicht geringe Rolle. Darüber hinaus ist die kurze Erzählung eine Hommage an die gemeine Hausspinne. An die Natur überhaupt, die uns umgibt, und die wahrzunehmen es oft zu hell, zu laut, zu schnell ist. In jeder Hinsicht ein gelungenes Dessert nach dem Hauptgang des Buches!

Sonja Ruf: Erste Lieben. Zwei Erzählungen

Konkursverlag

Tübingen – 2010

127 S. – 12 €


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