Holger Leisering | Drucken20.05.2016 

Politische Landschaften

Marion Poschmanns Gedichtband „Geliehene Landschaften“ macht den Plattenbau zum poetischen Thema

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Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren und heute in Berlin lebend, erhielt u. a den Peter-Huchel- und den Ernst-Meister-Preis für Lyrik und wurde unlängst in Leipzig mit dem Preis der Buchmesse geehrt. In Geliehene Landschaften wird die den lyrischen Betrachter einst eher quälende Realität des Plattenbaues poetisches Sujet.

Die Literaturgesellschaft der DDR, die bekanntlich die Romantik zum Projektionsraum erklärt hat, ist nun selbst romantizipierbar geworden. Für Christa Wolf ist die Romantik eine Epoche, von der sie sagte, sie hätte sich zunächst hatte einlesen müssen. Wir haben Ins Unendliche gehet eine Sehnsucht und andere Publikationen gemocht, auch weil wir so von Kleist, Günderrode und Novalis lasen. Jetzt taucht im lyrischen Rückspiegel auf, was früher die Fratze der sozialistischen Zukunft war: der Plattenbau. Eine Art von serieller Behausung, in der vor allem Chemiearbeiter und andere Helden der Arbeit wohnen sollten, die aber auf mittlerer Funktionsebene auch bei den zuständigen Genossen Anklang fand, auch bei Intellektuellen und besonders bei den Frauen, die die Nasszelle mit passenden Steckdosen für die Waschmaschine diesmal als eine wirkliche Errungenschaft des Sozialismus anerkannten.

Die Neubauten habe ich noch in graubrauner Modderlandschaft gesehen, später kamen Kinos und Gaststätten, Plastiken und Brunnen dazu. Es war damals ein Running Gag, von dem Angetrunken zu erzählen, der versehentlich die falsche Wohnungstür aufschloss, dort aber die ähnliche Schrankwand, die Durchreiche und den Fernseher für sein eigenes Mobiliar hielt und sich zur ähnlichen Frau ins Bett legen wollte. Die nummerierten Plattenbauten und Wohnkombinate schienen nicht nur uns Langhaarigen damals wie ein Angriff auf unsere Individualität.

Eine Besichtigung, ein Anschauen nicht ganz ohne Andacht, das überkam uns an ganz anderen Orten, etwa angesichts der Dornburger Schlösser, und man versuchte den Stuhl zu berühren, auf dem Goethe saß und das Gedicht An den Mond schrieb oder besuchte Sanssouci und den chinesischen Teepavillon.

Doch was jetzt? Es raschelt im – so wörtlich – Plattenbaulaub, es wird „die Kindheit, ein Schmuckblatt der Jahreszeiten“. Im Lehrgedicht mit Blick auf Lichtenberg, stellvertretend für anderes Betonland, erinnert Poschmann an Leibniz, der die Einzigartigkeit jedes Laubblattes im Gespräch mit seiner Fürstin erwähnt, diese empfing ihn regelmäßig auf Schloss Charlottenburg. Was hätten wohl Leibniz und seine Gesprächspartnerin Sophie-Charlotte zu unseren als Arbeiterschließfächer bezeichneten Neubaublöcken gesagt? Hätte der Philosoph in seiner verdrehten Frömmigkeit die Theodizee um weitere Anklage erweitert?

Der Landschaftsblick verblüfft mindestens so allgegenwärtig wie seinerzeit die Spiegelung des Parks im halbrunden Spiegelsaal des Schlosses. Die Industriebrache mit Gummiteppich und das Eigenheim gehören seit Erscheinen dieses Gedichtbandes genauso dazu, um unser „Gullyglück“ (welch Wort) ins Abwasser gespült zu sehen. Fernöstliches harmoniert mühelos mit Ornamenten am Plattenbau-Kindergarten. Mit Kindergarten Lichtenberg, ein Lehrgedicht halten wir Verse in Händen, für die ein Leserleben nicht ausreicht.

Wenn Marion Poschmann ihre Gedichte löschen könnte, hätte ich meine Jugenderinnerungen zurück und die Plattenbauten wären wieder ausschließlich nummerierte Monster mit Nasszellen. (Fast hätte ich nummeriert in alter Rechtschreibung geschrieben, aber die alten Regeln gelten nicht mehr.) Alles wandelt sich – so allgemein bekannt wie im Einzelfall befremdlich – und selbstverständlich werden nicht die Gedichte gelöscht sein, sondern mein Beobachtungspunkt, schon aus biologischen Gründen.

Marion Poschmann aber ist die bedeutendste Autorin seit Durs Grünbein, dieses leichte Büchlein ein unübersehbarer Monolith, eine Maßgabe im Land der lyrischen Dichtkunst. Vielfalt einer Landschafts-Hermeneutik wird von ihr entwickelt: Lappland oder Japan oder Rollatoren an der Strandpromenade oder wie dichtet sie in Teershampoo: „Bis zum Knie in Lupinen. Hier lässt sich die Landschaft zuklappen.“

Marion Poschmann: Geliehene Landschaften – Lehrgedichte und Elegien

Suhrkamp Verlag

118 Seiten – 19,95 Euro


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