Marthe Bechstein | Drucken24.03.2017 

Philosophisch, tiefsinnig, anrührend

Martin Baltscheits mehrfach ausgezeichnete Geschichte über die ungleichen Freunde Krähe und Bär findet mit Illustrationen von Wiebke Rauers eine neue, hinreißende Lebendigkeit

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Welchen Preis zahlt man für die Freiheit, unabhängig dorthin zu fliegen, wohin es einem beliebt? Was macht einen langweiligen Käfig zu einem Zuhause? Und welchen Wert hat ein Leben, das man mit jemandem teilen kann? Krähe und Bär sind zwei einsame Gestalten. Die eine irrt umher, ständig vom Hunger getrieben; der andere dreht störrisch seine Runden im Gehege, gelangweilt vom eintönigen Zooleben. Die Krähe kann sich keine Höflichkeiten leisten und schlägt sich bissig und mit großer Beharrlichkeit durchs Leben. Der Bär hingegen, des Wohlstands überdrüssig, träumt missmutiger Laune davon, die Welt zu bereisen. Als die Krähe durch ein Ungeschick droht, im Wasserbecken des Bärenzwingers jämmerlich zu ersaufen und der entnervte Bewohner sie an Land fischt, beginnt ihr gemeinsamer Weg.

Mit Witz, Ehrlichkeit und Scharfsinn zeichnet Martin Baltscheit zwei vielschichtige, sympathische Hauptcharaktere, die mit ihren gegensätzlichen Erfahrungen vom Leben aufeinander treffen und im Laufe der Zeit eine besondere Freundschaft entwickeln. Dabei lernen sie auf wundersame Weise die Welt des anderen kennen und merken, was ihnen selbst bisher gefehlt hat – eine fantastische Geschichte für über Träume, Werte, Ängste, Sorgen, Freuden, Freundschaft und Liebe. Das Buch lebt von den liebevollen Bildern und der ausdrucksstarken Schriftgestaltung, die ein spannendes Vergnügen bereiten. Das Miterleben beim Lesen fällt spielerisch leicht – vom ersten Wort bis zur letzten Seite. Es ist Martin Baltscheit auf erfrischende Weise gelungen, große Fragen für kleine Leser zugänglich zu machen. Märchenhaft verpackt wird die Hoffnung vermittelt: „Sol lucet omnibus. Das ist Lateinisch und heißt: Die Sonne scheint für uns alle.“ Mit viel Tiefgang und Esprit eignet sich diese Geschichte sicherlich nicht nur zum Vorlesen zu Hause, sondern ebenso gut – wenn nicht sogar unbedingt – als Unterrichtslesestoff in den höheren Grundschulklassen. Gemeinsam lässt sich über die Themen philosophieren und lassen sich die Inhalte nachvollziehen, um ein sicheres Verständnis zu ermöglichen. Aufgelockert oder vertieft werden kann das mit dem gleichnamigen Hörspiel oder mit der ursprünglichen Theaterfassung. Martin Baltscheits Krähe und Bär eignet sich also auf großartige Weise für einen kreativen und vielseitigen Umgang.

Martin Baltscheit: Krähe und Bär

Dressler Verlag

Hamburg 2017

115 Seiten, 13 Euro


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