Fabian Stiepert | Drucken11.10.2013 

Auf dem Bett, das die Welt bedeutet

Martin Walsers neuer Roman „Die Inszenierung“ handelt von den Liebesnöten eines gealterten Theaterregisseurs

Niemand wird bestreiten, dass es in Deutschland zur Zeit einen Schriftsteller namens Martin Walser gibt. So oder so ähnlich beginnt auch Walsers neuer Roman Die Inszenierung. Der Titel des Romans macht mehr als deutlich, dass die Theaterkunst einen nicht unbedeutenden Raum in der mit großer Rafinesse erzählten Geschichte einnehmen wird. Augustus Baum ist ein sehr bekannter Theaterregisseur, der aufgrund eines „kleinen“ Schlaganfalls völlig unvorhergesehen aus den Arbeiten an seiner Umsetzung von Tschechows Die Möwe gerissen wird. Vom Krankenbett aus versucht er weiterhin das Bühnengeschehen zu leiten und zu choreographieren. Zur Seite stehen ihm dabei die Nachtschwester Ute-Marie und Gerda, seine Frau. Beide kümmern sich mehr, als ihm lieb ist. Vor allem Gerdas Auflistung von Augustus’ Affären, die er als „Immunschwächen der Seele“ abkanzelt, machen seiner Laune und seiner Gesundung zu schaffen.

So ein Theaterregisseur ist für den Walser-Kosmos eine eher ungewöhnliche Figur, handeln die anderen Romane doch meist von Anlageberatern (Angstblüte) oder Alter-Ego-Schriftstellern wie Basil Schlupp (zum Beispiel in Das dreizehnte Kapitel, siehe Leipzig-Almanach vom 7.11.12). Trotzdem spart das schmale Büchlein nicht mit den üblichen Themen, wie man sie vom seit Jahrzehnten prominenten Großschriftsteller kennt: Liebe, Begehren, Affären und die ewige Frage nach dem Sinn dahinter. Von altem Wein aus neuen Schläuchen kann aber hier keine Rede sein, weil Walser seinen Stoff so geschickt verpackt, wie man es eher von jüngeren Autoren erwarten könnte (nicht umsonst betont Walser immer wieder, dass man sein Alter doch bitte nicht immer betonen, am besten sogar vergessen möge). Weitestgehend spielt sich die Handlung des Buchs in der direkten Rede ab, was zur Folge hat, dass die Grenzen zwischen Drama und Roman gänzlich verschwimmen. Nur kurze Einschübe, die Regieanweisungen stark ähneln, unterbrechen kurzzeitig den Redefluss der agierenden Charaktere.

Die Inszenierung ist mit Sicherheit kein solches Highlight aus dem Spätwerk wie Das dreizehnte Kapitel oder Angstblüte. Trotzdem versprüht der Text Esprit und Charme, weil er ohne großen Aufwand die Konventionen eines Romans zu unterlaufen versteht. Martin Walser wäre niemals so erfolgreich geworden, wenn er nicht auch ein so unerbittlicher Chronist deutscher Befindlichkeiten wäre. Wäre sein Augustus Baum nur ein hechelnder Lustgreis, der ungehemmt seine Begehrlichkeiten der Nachtschwester gegenüber ausspricht, könnte man das Buch ohne Zweifel entnervt aus den Händen legen und sich Besserem widmen. Da Augustus Baum aber in seinem sprachlichen Gestus an der Verquickung von Kunst und Leben arbeitet, haben wir es mit einem grundehrlichen Charakter zu tun, dem Walser völlig zu Recht 176 kurzweilige, wenn auch etwas überladene Seiten gewidmet hat.

Martin Walser: Die Inszenierung

Rowohlt Verlag

Reinbek bei Hamburg 2013

176 S. – 18,95 Euro


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