Fabian Stiepert | Drucken30.01.2016 

Alter, Liebe, Todessehnsucht

Martin Walsers neuer Roman „Ein sterbender Mann“ ist hochmodern, sinnlich und schlichtweg ein einziger Lesegenuss

Machen wir uns nichts vor: Martin Walser war schon immer irgendwo talentierter, sprachlich versierter und inhaltlich interessanter als sein vor knapp einem dreiviertel Jahr verstorbener Kollege Günter Grass, den man allzu oft mit Walser in einem Atemzug nannte. Aber wo Grass mit seiner Autobiographie Beim Häuten der Zwiebel mehr oder weniger geplant ins Horn des Skandals rund um seine Waffen-SS-Mitgliedschaft blies, legte Walser ein paar Jahre zuvor mit Ein springender Brunnen ein wunderschönes, ruhiges Erinnerungsbuch vor. Oder um noch einmal grob zu vergleichen: Grass’ im großen Stil gescheiterter Wenderoman Ein weites Feld kann sich nur verstecken hinter Walsers deutsch-deutschem Wälzer Die Verteidigung der Kindheit, in dem wie kaum bei einem anderen Autor die deutsche Teilung thematisiert wurde.

Nun hat Walser mit Ein sterbender Mann einen weiteren Beweis seiner Meisterschaft abgeliefert. Es ist sein bester Roman seit Angstblüte (2006) oder dem namentlich dem hier besprochenen Buch sehr verwandten Ein liebender Mann (2008), in dem Walser Goethes letzte Liebe zu einem blutjungen Mädchen verhandelte. Auf jeden Fall bilden diese drei genannten Romane das beste, was Walser bislang bei Rowohlt veröffentlicht hat, nachdem er 2003 den Suhrkamp Verlag nach fast 50 Jahren verließ.

Bevor hier aber nur überschwänglich gelobt wird, sei auch etwas über den Inhalt verraten, denn die Handlung ist durchaus komplex, wenn auch nie unübersichtlich. In 28 sehr kurzen bis längeren Kapiteln lernen wir Theodor Schadt kennen (ein klassischer, sprechender Name, wie ihn nur Figuren in Walser-Romanen tragen können). Schadt ist mittlerweile 72 Jahre alt und leitete früher eine größere mittelständische Firma, die für Patententwicklung zuständig war. Neben diesem Brotjob war er auch schriftstellerisch tätig und verfasste mehrere Ratgeber-Bücher mit skurrilen Titeln wie Wolkenbruch. Anleitung zur Selbstbefriedigung oder, auch sehr schön: Rumpelstilzchen. Anleitung zur Selbstfindung. Immerhin konnte er von einigen Titeln dieser Reihe einige 100.000 Stück absetzen, was ihm einen erklecklichen Nebenerwerb bescherte, der ihm auch noch Spaß machte.

Durch seine literarische Umtriebigkeit lernt er über seine Verlegerin den avantgardistischen Lyriker Carlos Kroll kennen. Dieser ist bei Kritikern und Preisjurys zwar hoch geschätzt, verkauft von seinen Lyrikbänden aber nur eine dreistellige Anzahl. Vielleicht ist es der Auflagenneid, der Carlos Kroll dazu treibt, Theodors Patent-Agentur in den Ruin zu stürzen. Dies gelingt ihm auch, indem er einen gigantischen Pharma-Deal an Land holt, der dann vor Theodors Augen wie eine Seifenblase zerplatzt. Theodor fühlt sich – zurecht – verraten. Er macht in seinem Inneren einen „irreversiblen Todeswunsch“ ausfindig. Diese Sehnsucht nach dem Ende löst alle weiteren, turbulenten Geschehnisse im Roman aus. Dass Walser dabei aber nur wieder einmal das männliche Ego sezieren würde, wird der Sache nicht gerecht, denn Ein sterbender Mann kann sehr viel mehr.

So ist dieses Buch ein fast schon erschreckend moderner Roman, der glaubhaft durchblicken lässt, dass sein Autor sich wirklich – wie die Hauptfigur – ausgiebig in Selbstmord-Foren im Internet herumgetrieben hat. Und das in einem hohen Alter von fast 90 Jahren, in dem man eigentlich anderes, sogar besseres zu tun hätte. Selbst wenn sich Walser bei dieser Recherche intensiv hat assistieren lassen, so trifft er den Ton, in dem man anonym im Internet kommuniziert, sehr direkt, ohne ihn einfach nur frech zu imitieren. Ganz im Gegenteil: Er lässt seinen Helden das Forum in hoher, aber nicht geschwollener Sprache benutzen und mal ganz ehrlich: wer hat sich da noch nicht so angestellt, um sich bei den angeschriebenen Foristen eine hohe Meinung erkämpfen zu können. Schließlich teilt man ein Interesse und muss sich von der Masse irgendwie abheben. Das saloppe „Hi!“, das Theodor als Antwort erhält, holt ihn zwar auf den Boden der Tatsachen zurück, lässt ihn aber sprachlich nicht ins berufsjugendliche entgleisen, was im Alter von 72 Jahren einfach nur ein peinlicher Kniff wäre.

Ganz nebenbei kann sich der Roman auch keine kleinen Seitenhiebe gegen den Literaturbetrieb verkneifen. So wird eine Preisverleihung, auf der der hinterhältige Carlos Kroll für sein lyrisches Werk ausgezeichnet werden soll, zu einem Schaulaufen der Eitelkeiten, bei dem es nur ums vierstellige Preisgeld geht, garniert mit einer vordergründig öden, aber als Parodie taugenden Laudatio. Ob Walser als Autor mit diesem ganzen Zirkus nichts mehr zu tun haben will? Zumindest die Lesereise, die er mit diesem Roman antritt, straft das Lügen.

Das Wort „Meisterwerk“ will einem bei diesem Roman trotzdem nicht so ganz über die Lippen kommen. Es gibt ein paar wenige Szenen, die etwas zu lang geraten sind, und auch der eine oder andere Twist im Plot hätte etwas kunstvoller gesetzt werden können. Sich an solchen Kleinigkeiten aufzuhängen, führt aber wiederum auch zu nichts, wenn man die grandiose Komposition des Romans aus Briefen, E-Mails, lyrischen Einschüben und ganz konventionell erzählten Kapiteln betrachtet. Eine derartige Jonglage der Formen auf nicht mal 300 Seiten, das beherrscht nur ein wahrer Meister, der zu wunderschönen Sätzen wie diesen hier fähig ist: „Liebe. Das ist, wer abends mit dir am Tisch sitzt. Alles andere ist Brimborium.“

Wer nun keine Lust auf diesen Roman hat, der ist für die Welt der Literatur unrettbar verloren.

Martin Walser: Ein sterbender Mann

Rowohlt

Berlin 2016

288 S., 19,95 €


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