Fabian Stiepert | Drucken05.03.2014 

Immer noch Frisch

Nach zwanzig Jahren Sperrfrist ist nun Max Frischs „Berliner Journal“ erschienen

Auch wenn es zum Einstieg erst mal nach Schleimerei klingt: Der Suhrkamp Verlag hat sich in den letzten Jahren sehr verdient gemacht, was die Herausgeberschaft von Tagebüchern, Briefwechseln und literarischen Fundstücken anbelangt. Um es ein bisschen weniger schleimig zu formulieren: Man könnte auch sagen, dass die am meisten beachteten Bücher dieses Verlagshauses größtenteils aus diesen Hinterlassenschaften von großen Literaten bestanden. Als Beispiele seien hier das Kriegstagebuch von Ingeborg Bachmann und die Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld oder zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan genannt. Letztere Briefesammlung war nicht etwa in erster Linie deshalb so herausragend, weil sie in literaturwissenschaftlicher Hinsicht Neues zur wichtigsten deutschsprachigen Autorin des 20. Jahrhunderts lieferte, sondern weil hier eine Liebesgeschichte erzählt wurde, in der die beiden Liebenden schreibend umeinander kreisen, sich missverstehen und sich im Gegensatz zu jeder Hollywood-Schmonzette am Ende doch nicht kriegen.

Auch das nun erschienene Berliner Journal, das Max Frisch in der Zeit schrieb, in der er in der Berliner Sarrazinstraße wohnhaft war (1973–1980), wartet nun nicht unbedingt mit bahnbrechenden Einsichten zu seinen großen Werken wie Stiller oder Homo faber auf. Höchstens ein paar Ideen für das Spätwerk (also Montauk oder Blaubart) schimmern im Tagebuch zwischengeschaltet immer wieder einmal auf. Die im Tagebuch kaum stattfindende Reflexion über zu verfolgende Ziele als Autor hat den simplen Grund, dass Max Frisch in dieser Zeit, wie es scheint, zu einem neuen Arbeitsethos findet und seine Lebens- und Arbeitsformel des Öfteren mit den Worten „Ich lebe jetzt ohne Vorsatz“ (15.2.73) oder „Ohne Arbeitsplan“ (22.3.73) zusammenfasst. Es geht Frisch so gesehen nicht mehr um das zielgerichtete Schreiben hin zu einem neuen Werk, sondern darum, schreibend Erfahrungen zu machen, die ihm das Leben im vorgerückten Alter nicht mehr bieten kann.

Abseits dieser Skizzen einer altersbedingten Arbeitsweise verfügt das Berliner Journal aber auch über einen Schatz an Porträts und Einblicken in den Berliner Literaturbetrieb zu dieser Zeit. Damals lebten sie in Berlin-Friedenau alle Tür an Tür: die Grass, Johnsons und Enzensbergers dieser Zeit. Natürlich kommt niemand anderes als Günter Grass mal wieder am schlechtesten weg. Grass’ ständige Einmischungen in die Bundesrepublik der 1970er Jahre gingen Max Frisch scheinbar tierisch auf die Nerven, immerhin widmet er sich in seinen Aufzeichnungen dem damals dauerinterviewten Grass von allen seinen Kollegen am ausführlichsten. Ein Abendessen in der DDR bei Jurek Becker gibt Frisch zwar mit chronistischer Neugierde wieder, aber im Gegensatz zur harschen Kritik an Grass kommt der Ostbesuch ohne großartig kritische Worte weg. Nur Verwunderung herrscht darüber vor, dass Becker mit Mitte 30 als freier Schriftsteller schon (für DDR-Verhältnisse) in Saus und Braus lebt.

Nach einer zwanzigjährigen, von Max Frisch selbst verordneten Sperrfrist ist die Veröffentlichung dieses Berliner Tagebuchs schon eine kleine Sensation. Ein bisschen mehr Substanz zur Erfüllung der literarischen Kriterien, die Frisch sich wohlweislich mit diesem Tagebuch auferlegt hatte, hätte es schon sein dürfen. Zu sehr versinkt der damals wohlhabende, sich alt fühlende Autor in seiner eigenen Lamoryanz. So wird es einem dann doch etwas schwer gemacht, die genaue Intention des Berliner Journals heraus zu lesen. Ist es ein reines Tagebuch? Eine Chronik der geteilten Stadt Berlin? Oder handelt es sich doch um ein konsequent literarisch gehaltenes Werk aus der Spätphase des Schweizer Großautors? Wer all diese Fragen beiseite wischt, der erhält einen allemal kurzweiligen Einblick in das Denken eines Künstlers, der sich Zeit seines Lebens mit den drängenden Fragen der Existenz auseinander gesetzt hat.

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal

Herausgegeben von Thomas Strässle

Suhrkamp

Berlin 2013

235 Seiten – 20 Euro


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