Fabian Stiepert | Drucken06.02.2013 

Das Publikum verzichtet auf demonstratives Gelächter

In der Schaubühne Lindenfels liest Max Goldt alte und neue Texte. Mehr sprachliche Eleganz im Umgang mit Pointen hört man selten

Max Goldt (Foto: PR)

Der Ballsaal der Schaubühne ist gut gefüllt; man darf sicherlich das Wort „ausverkauft“ verwenden, so gering erscheint die Zahl noch freier Plätze. Auf der Bühne ist, wie sich das für eine typische Dichterlesung gehört, nicht mehr als ein Tisch mit schwarzer Decke, Seltersflasche und Wasserglas. Pünktlich um 20:30 Uhr betritt Max Goldt, auffällig rot behost, die Bühne mit einer Aktenmappe, die das Programm der ersten Hälfte beinhaltet. Bevor es losgeht, begrüßt Goldt das Publikum zu seinem „alljährlichen Doppelevent in der Schaubühne Lindenfels“, schließlich liest er gleich an zwei Tagen hintereinander. Hier soll von der ersten Lesung am 24. Januar berichtet werden.

Der Auftritt mit Aktenmappe hat, trotz auffälliger wie auch modischer Kleidung, durchaus einen gewissen Beigeschmack von Beamtenmentalität. Man möchte fast meinen, dass jemand aus dem öffentlichen Dienst, das präsentiert, was er in seiner monatelangen Unsichtbarkeit produziert hat. Wer den seit Jahren für die Titanic und andere Publikationen schreibenden Autor zu kennen glaubt, der weiß, dass Goldt seit je auf das Geben von Interviews verzichtet (dies kann man im 1999 erschienenen Text „Der Interview-Unfug“ nachlesen). Da möchte man sich gerne der Vermutung hingeben, dass Goldt sich am liebsten gänzlich aus der Öffentlichkeit heraushalten und ein Leben als ungreifbares Phantom führen würde.

Nun aber mal bei allen Verdächtigungen zurück zur Lesung, die Goldt mit dem längsten Text des Abends einleitet. „Die Chefin verzichtet auf demonstratives Frieren“ wird trotz der Länge von fast 25 Minuten Lesezeit dank Goldts Verve in Vortrag und Formulierung zum ersten vergnüglichen Glanzpunkt des Abends. Bei Goldts Texten versteht das Publikum es dankenswerterweise an den richtigen Stellen zu lachen. Bei solch einer sprachlichen Exaktheit, die auch von Literaturkritiker Gustav Seibt schon zum schönsten Deutsch unserer Zeit gekrönt wurde, sind Missverständnisse jedweder Art zum Glück nahezu ausgeschlossen. Was dann noch in der ersten und zweiten Hälfte des Abends folgt, sind weitere Highlights aus den aktuellen und älteren Büchern. Goldt wie auch den Zuhörern fällt dabei auf, dass die Texte erstaunlich gut gealtert sind. Am Schluss referiert Goldt dann noch über „Schulisches“ und bietet ganze zwölf Variationen eines mittelmäßigen Möbelpackerwitzes dar. Das muss man erst mal können. Oder fallen Ihnen etwa zwölf Versionen des folgenden Witzes ein: „Zwei Möbelpacker, von denen einer für klassische Musik schwärmt, schleppen ein Klavier ein Hochhaus hinauf. Oben keucht der eine zum andern: Na, was denkst du jetzt über Beethoven?“

Manch einer behauptet, dass ein guter Witz immer auf einer intellektuellen Überlegenheit basieren sollte. Max Goldt beweist an diesem rund dreistündigen Abend, dass sich sein Humor in erster Linie aus der genauen Betrachtung der Zeitläufe und seiner Mitmenschen heraus speist. Möge uns dieser kluge Literat und Humorist noch lange erhalten bleiben.

Max Goldt: Die Chefin verzichtet

24. Januar 2013, Schaubühne Lindenfels

Max Goldts aktuelles Buch „Die Chefin verzichtet“ ist bei Rowohlt erschienen.


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