Fabian Stiepert | Drucken11.09.2015 

Peinliche Pennälerlyrik

Ist Mira Gonzalez die amerikanische Julia Engelmann? Ihr Lyrikband „Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können“ zeigt: Es geht noch viel schlimmer

Eigentlich hat sich der Hanser-Verlag in den letzten Monaten sehr verdient gemacht um deutsch- und fremdsprachige Lyrik. Man denke nur an Jan Wagners preisgekrönte Regentonnenvariationen oder die Herausgabe sämtlicher Gedichte von Emily Dickinson. Michael Krüger, Vorgänger des aktuellen Hanser-Chefs Jo Lendle, hat selbst etliche Gedichte veröffentlicht und sich immer trotz geringer Verkaufszahlen für das Verlegen von Lyrik eingesetzt.

Ob unter der Ägide von Michael Krüger die Rechte an Mira Gonzalez’ Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können eingekauft worden wären, ist allerdings schwer in Frage zu stellen. Gonzalez, Jahrgang 1992 und Tochter einer Künstlerin und eines Punk-Bassisten, ist ein blutjunges, wildes Ding der US-Literaturszene und in erster Linie über ihren Twitteraccount (@miragonz) bekannt geworden. Über Youtube oder Instagram Promistatus zu erlangen, ist in Zeiten von Sami Slimani und Kim Kardashian nicht mehr völlig ungewöhnlich. Aber dass jemand über ein Netzwerk bekannt wird, dessen Qualitäten in der Ego-Reduktion auf 140 Zeichen bestehen, das lässt einen stutzig werden. Kurioserweise hat Gonzalez neben ihren Gedichten auch schon einen Band mit Selected Tweets auf den Markt geworfen.

Dass auf Twitter viel Mist in den Äther geblasen wird, ist nichts neues, und man kann über alles, was nicht beleidigend ist oder sich jenseits der Grenzen des guten Geschmacks ansiedelt, beredt schweigen. Anders verhält es sich beim hier vorliegenden, von Jo Lendle persönlich übersetzten Bändchen, dass man dank zweisprachiger Ausgabe auf knapp 100 Seiten hochdrucken konnte. Um es ohne große Umschweife in aller Direktheit zu sagen: Ich werde niemals schön genug sein, … ist nah dran an der Unverschämtheit und das ausgerechnet aus dem Verlagshaus, das wie kaum ein anderes in Deutschland für Qualität steht und etliche Nobelpreisträger unter Vertrag hat.

Denn Gonzalez’ Gedichte sind quengelig, nörgelig, larmoyant, eintönig, bräsig, klischeelastig und sprachlich unbeholfen. Nicht eine einzige interessante Formulierung findet sich in diesen Texten, nicht ein einziger Gedanke, den die Autorin zu Papier gebracht hat, lässt einen aufhorchen. Die Texte sind ein einziger Banalitätsbrei aus Sex, Einsamkeit, Party und Drogenerfahrungen, verquirlt mit ein paar lahmen popkulturellen Referenzen. Da muss man Julia Engelmann glatt zugestehen, dass sie sich zumindest um sprachliche Kreativität „redlich bemüht“, wie es im Jargon der Arbeitszeugnisse heißt.

In dem „Gedicht“ Ryan Gosling zum Beispiel wartet Gonzalez mit einer Ansammlung von Hauptsätzen auf und jede Zeile beginnt mit „Ich“ („Ich habe mich entfremdet (…) / (…) Ich bin gern allein (…) / (…) Ich bin kein böser Mensch (…) / (…) Ich weiß nicht (…)“). Das ist pseudo-psychologisch-tiefsinniges Geschreibsel aus der Häschenschule. Selbst einigen 17-jährigen wäre es peinlich, das in ihr erstes Moleskine-Notizbuch zu kritzeln, und es gibt in der Tat einige Graffiti und Toilettenschmierereien, die mehr Hintersinn besitzen als dieses Gestammel. Auch beim naturgemäß kurzen „Haiku“ („Weinen und mein Auto vor einem / mexikanischen Restaurant abstellen / Ein Mann bot mir Drogen an“) reibt man sich die Augen, wie es dieser Stumpfsinn in dieses immerhin schön gelayoutete Büchlein geschafft hat. Nicht mal exaltiert selbstgedrehte Zigaretten rauchende Hipster fänden diesen Dreizeiler „deep“ und „edgy“, wenn man ihm beim Lyrikabend in der WG-Küche vortragen würde.

Man soll Bücher abschließend natürlich nicht auf rein quantitativer Ebene hinsichtlich gebotener Textmasse bewerten, aber die Tatsache, dass dieses Bändchen, welches man in normaler Lesegeschwindigkeit in weniger als 30 Minuten ausgelesen hat, für knapp 17 Euro verkauft wird, ist schon eine kleine Frechheit in Anbetracht des mehr als mageren, eher gegen Null tendierenden Mehrwerts von Gonzalez’ Textchen. Selbst für den halben Preis käme man sich hier schon über den Tisch gezogen vor. Die einzig logische Erklärung für diese Geldschneiderei wäre eine gute Entlohnung der Klappentext-Lobhudeleien von Saša Stanišić, Karen Köhler und Clemens J. Setz. Diese drei intelligenten Autoren sind wohl wie auch der Hanser-Verlag einem großen Irrtum aufgesessen.

Mira Gonzalez: Ich werde niemals schön genug sein, um mir dir schön sein zu können

Aus dem Englischen von Jo Lendle

Hanser-Verlag

München 2015

112 S., 16,90 €


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