Fabian Stiepert | Drucken14.03.2016 

Empathisch, sanft und wütend

Zwei Romane, ein Thema. Michael Köhlmeier und Abbas Khider setzen sich in ihren neuen Romanen mit Flüchtlingen auseinander

Michael Köhlmeier – Das Mädchen mit dem Fingerhut

Der Österreicher Michael Köhlmeier beherrscht die große wie die kleine Form gleichermaßen gut. Dicke Wälzer wie Abendland oder Die Musterschüler gehören zum besten, kurzweiligsten und lesenswertesten, was in den letzten dreißig Jahren in deutscher Sprache verfasst wurde. Daneben kann sich Köhlmeier aber auch überraschend kurz fassen. Idylle mit ertrinkendem Hund, Madalyn und sein neuestes Werk Das Mädchen mit dem Fingerhut fallen allesamt unter 200 Seiten aus und sind von ebenso nachhaltiger Wirkung.

Im genannten, neuesten (Kurz-)Roman werden wir genauso wie die Hauptfigur, das kleine Mädchen Yiza, ohne jegliche Vorrede in die Situation hineingeworfen. Yiza wird von ihrem Onkel auf einem Marktplatz in einer Stadt in Westeuropa ausgesetzt. Die Sprache, die dort gesprochen wird, ist ihr fremd. Nehmen wir einfach mal an, dass es sich um den Wiener Naschmarkt handelt. Die einzige konkrete Anweisung, die das Mädchen erhält, ist die, jedes Mal, wenn das Wort „Polizei“ fällt, so laut wie möglich loszuschreien. Die Menschen auf und rund um den Markt sind schwer irritiert, schaffen es aber, Yiza in ein Heim zu verfrachten. Was als glückliche Lösung gedacht ist, wird für das kleine Mädchen zur langen Oddysee.

Köhlmeier schildert dieses Schicksal eines Kindes von Geflüchteten (das Wort „Flüchtlinge“ kommt im Roman selbst gar nicht vor) in aller gebotener Schnörkellosigkeit in Sachen Sprache und Dramaturgie, was mitunter zu den großen Stärken dieses Buchs gehört. Die von diesem Roman gestellte Frage, wie man mit einem Kind umgeht, das völlig gegen seinen Willen in unsere kulturell anders geprägte Welt entsandt wird, lässt sich nun mal nicht zu aller Zufriedenheit und ohne jegliche Hindernisse lösen. Fürsorge und die Suche nach einem Weg der Kommunikation trotz Sprachbarriere sind das einzige, was in dieser verfahrenen Situation hilft. Was aber passiert, wenn das nicht gegeben ist, das zeigt der Verlauf von Yizas Schicksal, dessen Schilderung bei aller Sachlichkeit auch sehr sanft ausfällt. Wie Köhlmeier mit den Irrwegen dieses Kindes umgeht, das erinnert durchaus an die Helden von Charles Dickens oder Rudyard Kipling. Und wenn man einen sehr starken Glauben an die Literatur hat, könnte man sogar die Hoffnung hegen, dass Das Mädchen mit dem Fingerhut die Besorgnis mancher deutscher Bürger vielleicht ein bisschen lindert, wenn sie es denn nur lesen würden.

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut

Hanser

München 2016

144 S., 18,90 €



Abbas Khider – Ohrfeige

Um einiges konkreter geht Abbas Khider mit dem Flüchlingsbegriff um. Karim, der Held seines neuen – kurioserweise nicht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten – Romans Ohrfeige wollte mit Hilfe von teuer bezahlten Schleppern vom Irak aus nach Paris flüchten. Statt bis zur französischen Hauptstadt kommt er aber nur bis in die bayrische Provinz, aus der er es die darauf folgenden drei Jahre auch nicht mehr heraus schafft.

Diese drei Jahre bilden den Rahmen dessen, was Karim zu erzählen hat. Karims Geschichte ist vorrangig kein klassischer Augenzeugenbericht, sondern eine sehr feurige Suada, die er seiner Sachbearbeiterin bei ein paar Joints in ihrem Büro um die Ohren haut, die geknebelt und gefesselt ist. Es entfesselt sich in dieser Erzählsituation eine Wut über die ewig langen Wartezeiten für Anträge und deren Bewilligung und die miserablen Jobs, mit deren Hungerlöhnen er sich den Tabakgenuss finanziert. Wenn nach all den Jahren voller Geduld, eingeschränkter Freiheit und wenig Beschäftigung der Asylantrag abgelehnt wird – trotz triftiger Gründe –, dann kann es auch mal zu einer solchen Entladung von Wut und Verbitterung kommen. Wohlgemerkt, Khiders Roman spielt vor rund 15 Jahren. Der Skandal wäre nicht auszudenken, wenn ein Flüchtling unserer Tage sich so Luft machen würde.

Was in Khiders Buch ebenfalls positiv heraussticht, ist der ungewöhnlich erscheinende Grund, weshalb Karim Asyl sucht. Es ist keine direkte Bedrohung seines Lebens, die von der Diktatur Saddam Husseins ausgeht. Karim ist also kein lupenreiner Oppositioneller, sondern voller Angst vor den Repressalien beim irakischen Militär, das ihn einziehen will. Nicht etwa, weil es ihm an körperlicher Fitness mangelt, sondern weil eine Hormonstörung dafür gesorgt hat, dass ihm große, sehr weiblich anmutende Brüste gewachsen sind. Mit diesem tragikomischen erzählerischen Kniff gelingt es Abbas Khider, die Individualität hinter der Geschichte eines jeden Flüchtlings aufzuzeigen. Es muss nicht immer so laufen, dass man sich mit letzter Kraft noch die paar Habseligkeiten aus der zerbombten Wohnung holt und dann in die Fremde aufbricht. Das Recht auf Unversehrtheit und Asyl ist damit aber nicht weniger gültig.

Ohrfeige ist ein Roman, der in erster Linie von der Authentizität des Geschilderten lebt, denn schließlich hat Khider das offensichtlich alles selbst erlebt, nachdem er als junger Mann in den Neunzigern im Irak inhaftiert und gefoltert wurde und ihm danach die Flucht nach Süddeutschland gelang. Trotzdem ist der Roman in seiner Konstruktion gelegentlich unnötig sprunghaft und die kurzen, kursiv gedruckten Einschübe, die sich erst ganz am Ende erschließen, wirken für den Gesamteindruck, den die Lektüre hinterlässt, einfach unnötig. So ist dies leider Khiders formal bislang am wenigsten überzeugender Roman. Wenn man ihn aber in Verbindung mit Michael Köhlmeiers Buch betrachtet, so erkennt man zwei wichtige, richtige Bücher zur genau richtigen Zeit.

Abbas Khider: Ohrfeige

ebenfalls bei Hanser erschienen

224 S., 19,90 €


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