Tobias Prüwer | Drucken04.01.2013 

Das heilige und das profane Heilsversprechen

Oliver Decker zeigt in „Der Warenkörper“ wie Marktwirtschaft und Medizin von der sakralen Opferpraxis zehren

Das Bauopfer ist im Grund nichts anderes als eine – oft symbolische – Nachahmung des urzeitlichen Opfers, dem die Welt ihre Entstehung verdankt. ... Mythen lassen nicht nur den Kosmos selbst infolge der Opferung eines Urwesens und aus einer Substanz entstehen, sondern auch die Nährpflanzen, die Menschenrassen und die verschiedenen sozialen Klassen. ... Die „Übertragung“ einer Seele aber kann nur durch ein blutiges Opfer bewirkt werden.
Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane


Warenkörper: Im Titel ist die ganze im Buch unterbreitete Malaise schon angesprochen. Oliver Decker, Leipziger Psychologe und derzeitiger Vertretungsprofessor in Siegen, legt darin ausführlich dar, dass Markt und Medizin auf viel unheiligere Art miteinander in Verbindung stehen, als man gemeinhin denkt. Es geht ihm weniger um die Kommerzialisierung von medizinischer Hilfe, nicht um das Wirken ökonomischer Kalküle in der Behandlung von Kranken und weitreichende Privatisierung eines lebenswichtigen Sektors. Decker zielt vielmehr darauf ab zu zeigen, dass Markt wie Medizin aus der gleichen Quelle herrühren, denselben Ursprung haben: Sie beide leiten sich vom Opfer ab, von der heiligen Darangabe.

Als zentralen Dreh- und Angelpunkt setzt Decker den Köper oder besser das Verhältnis der Religion zu Körper und Leib. Diese Corpus-Geschichte wird zum Scharnier für seine – sozusagen – zweischenklige Analyse. Ökonomie und Medizin sind, das trat in den noch nicht abgeschlossenen Untersuchungen des Skandals um die Deutsche Stiftung Organtransplantation zutage, gerade in der Transplantationsmedizin eng miteinander verquickt. Auch die dem Markt nicht zugehörigen Begriffe wie „Spende“ und „Gabe“ finden sich hier in schillernder Benutzung. Decker zeigt, wie sich die Mehrdeutigkeit im christlichen Körperbild besonders deutlich in der Reliquienverehrung – „Heils- und Handelsgut“ – ausdrückt und hier die erste, noch wundersame Beschreibung einer Körperteilverpflanzung (Bein) zu finden ist. Mit Rückgriff auf das etwa im Warenfetisch bereits oft durchdiskutierte und applizierte Fetischkonzept bindet Decker die medizinische Praxis an jene sakrale an und bildet den Transformationsprozess des heiligen Opfers in die Medizin ab. Beansprucht die Medizin, einen alten Menschheitstraum, den nach einem langen, wenn schon nicht ewigen Leben zu realisieren, so zeigt sich auch hierin der gemeinsame Ursprung von Ökonomie und Medizin. Erstere gibt schließlich auch das Versprechen des guten Lebens ab.

In der Schönheitsindustrie, der chirurgischen Anpassung des Körpers an Mode und Zeitgeist, hat diese Entwicklung ihr vorläufiges Ende gefunden. In weiten Teilen seiner Analyse ist Decker zuzustimmen: „Die Introversion des Opfers hat mit der modernen Medizin, die den menschlichen Körper in einem hohen Maße sowohl in der konkreten Erfahrung der Menschen als auch in der ökonomischen Nutzung als Ressource verdinglicht, ihren Bestimmungspunkt erreicht. Heils- und Handelsgut fallen wieder zusammen: im menschlichen Körper als Warenkörper.“ Allerdings verkennt er eine wichtige Differenz, wenn er Schönheits-Chirurgie und Körperveränderungen (Body Modification) wie Tätowierungen, Piercings und dergleichen in eins setzt. Denn während die erstere immer von kapitalistischem Zuschnitt ist und den Menschen Anpassungsleistungen abverlangt und hier die Verinnerlichung von äußeren Normen zum Ausdruck kommt, muss das bei Body Modifications nicht der Fall sein. So sehr eine eingestochene Tatze auf der Leiste oder ein Bananenstecker im Bauchnabel einfach gedankenloses Modeaneignen darstellen, so wenig aussagekräftig ist dies für andere Erscheinungen der Body Modification. Diese kann sich ja auch gerade gegen die äußere Zurichtung ausdrücken. So naiv man das auch auffassen mag, hier wird der Körper gerade nicht zur Warenform. Von diesem kleinen Manko aber abgesehen, hat Decker eine interessante Lektüre vorgelegt, aus der kein Fatalismus spricht, sondern der es um die Erkenntnis gerade der Grenzen und des Ursprungs unserer Praktiken bestellt ist.

Oliver Decker: Der Warenkörper. Zur Sozialpsychologie der Medizin

Zu Klampen

Springe 2011

320 Seiten – 38 Euro


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