Holger Leisering | Drucken15.03.2016 

Nabelschau

Der Protagonist von Olivier Adams Roman „An den Rändern der Welt“ zieht von der Stadt an die Küste und kehrt in die Welt der Vororte zurück. Die „Ränder“ sind dennoch nicht geographisch zu verstehen

Olivier Adam wurde 1974 bei Paris geboren, schrieb bislang Romane und Drehbücher und wurde mit dem „Prix Goncourt de la Novelle“ ausgezeichnet. Der Schriftsteller lebt mit Frau und zwei Kindern in Paris. Diese letztere Mitteilung über Familiäres verliert von ihrer Beiläufigkeit, da sein Protagonist in An den Rändern der Welt so ganz anders lebt, geschüttelt von Beziehungskrisen, bindungsunfähig, abhängig von Tabletten und Alkohol.

Manch einer seiner Kritiker unterstellt dem Autor auf den Bauchnabel, also auf sein Selbst gerichtete Schreiberei, was ich aber für wenig schlüssig geurteilt halte, denn in seinem Bauchnabel spiegelt sich immerhin das depressive Verhaltensmuster der westlichen Welt aus der Sicht des sich verletzt fühlenden Mannes. Dieser reflektiert zerknirscht, dass seine Frau vor Gericht den Whisky und die pharmazeutischen Antidepressiva kaltblütig in Munition verwandelt hat. Die Kinder darf er nur nach festen Regeln am Wochenende sehen, Anrufe sind nicht immer willkommen – manchem abservierten Vater dürfte bekannt vorkommen, wie hier um die Tochter Manon und den Sohn Clément gestritten und konkurriert wird.

Die Ränder der Welt im geographischen Sinn sind freilich in diesem Buch nicht zu erkennen, vielmehr sind es die Ränder von Paris, die der Erzähler in ihren Geheimnissen und Dialekten von Kindheit an kennt. Die Adresse und das jeweilige Stadtviertel sind bis zu einem gewissen Grade für den Verlauf des weiteren Lebens so ausschlaggebend wie der Name der besuchten Schule, allerdings bleibt eine gewisse Durchlässigkeit der französischen Gesellschaft vorhanden, der Erzähler selbst und sein Bruder als Tierarzt, beide in der Banlieu aufgewachsen, sind Beispiele dafür.

Ohnehin ist er desertiert, wie er das nennt, in die Stadt am Meer, arbeitet nicht wie seine Frau Sarah etwas Nützliches auf der Geburtsstation, sondern tendiert eher dazu, ganz auszusteigen und das Schreiben auch noch einzustellen. Was ihn dennoch weitab vom Snobismus der Oberklasse hält, ist nicht nur sein analytisch-reflektierender Intellekt, sondern jene Sympathie für den Taxifahrer mit Migrationshintergrund, die Krankenschwester oder den Klassenkameraden, der ohne festen Arbeitsvertrag an der Kasse arbeitet und unter lächerlichen Vorwänden rausgeschmissen wird. In der Ahnentafel des Ich-Erzählers sind einfache Arbeiter – ein eingewanderter Müllmann beispielsweise – und er hat sie nie vergessen, er würde einer von ihnen sein wollen, auch wenn die alten Kumpels das oft nicht mehr so sehen.

Andererseits: Stumpfsinniges Glotzen in den TV, wo jede politische Sendung weggezappt wird, oder sein Vater, der niemals kocht, aber sinnlose Kochshows guckt, so etwas lässt ihn aufschäumen vor Wut und Verachtung. Selbst bei Sophie, seiner Jugendliebe, liegen Fernsehzeitung und Auto-Illustrierte parat; Berieselnlassen mit niveaulosem Unterhaltungsfernsehen oder aber angucken billiger Illustrierter und andere Geschmacklosigkeiten signalisieren ihm vermeintlich glasklar: sie passt nicht zu mir.

Es ist oft die erfrischende Rigorosität, die schonungslose Anfrage an das Ich und die Gesellschaft, die einerseits an Erneuerung, an eine frische Brise an bretonischer Küste, an Welle und Schaumkrone und bei all dem an unbewältigte Pubertät denken lässt.

Im letztem Drittel des Romans dann, was schlichtweg nicht mehr zu erwarten war: Action. da gibt es eine Prügelei in der Bar, eine dramatische Rettung für die große Jugendliebe Sophie und ein Verhör auf der Polizeistation. Trotz dieser Elemente aus dem Genre des Thrillers hat der Roman, nach herkömmlichen Lesegewohnheiten beurteilt, einige Längen, was auch daran liegen mag, dass es im Lande Prousts nicht in jener teutonischen Weise als selbstverständlich gilt, dass der allmächtige Lektor das Werk um gut ein Drittel zusammenstreicht oder gegebenenfalls die Herausgabe boykottiert.

Ein Aufenthalt in Japan, zu dem der Ich-Erzähler Sarah und die Kinder im Rahmen eines Sabbatjahrs zu Begleitern wünscht, soll die Zerwürfnisse heilen. Japan und das Unglück von Fukushima werden im Roman benannt, aber der Autor entwickelt eher eine Sehnsuchts-Projektion, eine Art Orplid, das ferne leuchtet. Fakt bleibt noch ein vergessenes, nahes Familienmitglied des Verfassers, nur sichtbar auf einem Schwarz-Weiß-Foto.

Für alle, die sich nicht schämen zu denken, dass die Fragen aus der Zeit der Pickel, pauschalen Urteile und grandiosen Gefühlsabstürze doch die eigentlichen gewesen sein könnten, ein zu empfehlendes Buch!

Olivier Adam: An den Rändern der Welt

Klett-Cotta

Stuttgart 2016

424 S. – 24,95 Euro


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