Fabian Stiepert | Drucken28.10.2013 

Die Haut, in der ich wohne

Paul Austers „Winterjournal“ gibt intime Einblicke in die Biographie des New Yorker Schrifstellers

Die Idee hinter Paul Austers autobiographischem Buch Winterjournal ist so simpel wie genial. Auster zählt die Stationen seines Lebens auf, aber immer in Hinblick auf die Auswirkungen, die die Zeit auf seinen Körper hatte. Stationen ist dabei über weite Strecken des Textes, in denen sich der Autor meist aus der Du-Perspektive betrachtet, ernst zu nehmen, denn Auster zählt auf über 50 der 250 Seiten die Wohnungen auf, in denen er in Amerika oder Frankreich sein Leben verbracht hat. Wie bei einer Matrjoschka braucht der Geist eine Hülle, die wiederum einen schützenden wie wärmenden Raum braucht, damit man als denkender, essender, fühlender (usw.) Organismus überleben kann. Warum dieser grundsätzlich richtige Gedanke fast ein ganzes Viertel des Buches einnehmen muss, sei dahingestellt, bleibt diese arg zähe Passage in ihrer verplauderten Annekdotenlastigkeit doch das einzige, was die sonst so elegant fließende Lektüre stört.

Darüber hinaus erfahren wir auch endlich mehr über den Autounfall, den Austers Ehefrau Siri Hustvedt bereits in ihrem Langessay Die zitternde Frau zum Anlass nahm, um die untertitelgebende „Geschichte ihrer Nerven“ erzählen zu können. 2002 geschah dieser nahezu personenschadenfreie Autounfall, also in jenem Jahr, in dem Auster schon durch eine Thrombose und eine Augenentzündung sehr geschwächt gewesen war. Auster ist sich daher sicher, dass seine mangelnde Konzentration beim Fahren an diesem Abend von vorherigen, körperlichen Symptomen abhing. Seine Frau hingegen ist der Überzeugung, dass die LKW-Fahrerin, die zudem ohne Führerschein unterwegs war und schon mehrere Unfälle verschuldete, einzig und alleine die Verwantwortung für diese Karambolage zu tragen hat.

Es fasziniert ungemein, welch weite Felder Auster zu eröffnen versteht, allein aus der genauen Beobachtung seines eigenen Körpers heraus. So sind manche Details etwas zu nah an der Ekelgrenze zu den Feuchtgebieten geraten und auch die etwas potenzprotzige Glorifizierung der Sexualität (die über lange Jahre der Jugend hinweg unerfüllt oder nur halbgar ausgelebt blieb) stört manchmal. Vielleicht macht Auster diesbezüglich auch einfach nur den Fehler, seine eigene Prominenz ein wenig zu unterschätzen. Dabei ist sogar seine Tochter Sophie Auster seit einigen Jahren als Sängerin und Schauspielerin weltweit bekannt. Kein Wunder, dass man sich als Leser manchmal dabei ertappt fühlt, einer Nabelschaulektüre nachzugehen, die manchmal zuviel über das Privatleben des berühmtesten Vater-Mutter-Kind-Gespanns der internationelen Literaturszene verrät.

Wenn auch nicht auf ganzer Linie, so überzeugt Winterjournal am Ende doch, weil es das Leben in all seinen Facetten feiert, ohne dabei sentimental zu werden. Man hat das Gefühl, den Mann hinter den sonst so mysteriösen New-York-Romanen wirklich gut kennen und verstehen gelernt zu haben. Der Weg vom Hungerkünstler Auster zu einem der meistgelesenen Autoren der Welt hing am Ende also immer wieder vom Funktionieren des eigenen Körpers ab. Dass dieses Funktionieren bis auf wenige Ausnahmen so reibungslos verlief, dafür liefert Auster mit Winterjournal eine beeindruckende Dankesbekundung.

Paul Auster: Winterjournal

Rowohlt

Reinbek bei Hamburg 2013

256 S. – 19,95 Euro


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