Leonie Geisinger | Drucken04.04.2013 

Im Sumpf der Lügen

Bei der Aufklärung eines alten Mordes stochert „Paperboy“ in der Vergangenheit. Der untypische Krimi wurde anlässlich seiner Verfilmung ins Deutsche übersetzt

Nicole Kidman in der Verfilmung des Romans (Foto: Millennium Entertainment)

Wer in Paperboy einen klassischen Krimi erwartet, wird schwer enttäuscht. Der Mord, um den es geht, liegt schon lange zurück, und wenn am Ende des Buches Blut fließt, dann ist es nicht das Blut, das man erwartet hat. Es fragt sich deshalb, ob Paperboy überhaupt ein Krimi ist. Genauso gut könnte man den Roman auch als Coming-of-Age-Geschichte lesen oder als Porträt über die Provinz oder als Studie über den Zusammenhang von Sex und Gewalt. Aber in puncto Spannung ist Paperboy auf jeden Fall ein Krimi, und zwar ein sehr, sehr guter. Peter Dexters Sprache ist klar und nüchtern. Alles wird gesagt und gleichzeitig verschwiegen, aber nicht, weil dem Autor die Worte fehlen, sondern weil die Protagonisten einfach viel für sich behalten.

Die Geschichte spielt Ende der sechziger Jahre in Florida. Es ist heiß, es gibt viele Mücken, viel kaltes Bier und viele willige Frauen. Dieses klassische Film-noir-Setting muss man mögen. Aber Dexter gelingt es, den Leser von Anfang an in seine Geschichte einzusaugen. Jack begleitet seinen Bruder Ward und dessen Reporterkollegen von der Miami Times auf ihrer Suche nach der Wahrheit. Vor Jahren wurde der als extrem gewalttätig bekannte Sheriff Thurmond Call auf einer Landstraße gefunden, aufgeschlitzt und ausgeweidet wie ein Tier. Damals wurde Hillary Van Wetter verhaftet, doch es treten Zweifel an seiner Schuld auf. Unterstützt werden die drei bei ihren Nachforschungen von Charlotte Bless, einer gealterten Schönheit, die eine große Vorliebe für Mörder hat und mit Van Wetter schon die gemeinsamen Flitterwochen plant. Sie ist überzeugt von seiner Unschuld. Die Nachforschungen gestalten sich allerdings schwierig, die Behörden schweigen und auch Van Wetters Familie ist nicht gerade umgänglich. Die Paperboys treten auf der Stelle und bald hat man den Eindruck, dass sich die Protagonisten immer mehr ihrer sumpfigen Umgebung anpassen. Egoismus, Heuchelei und Verrat werden immer präsenter. Einzig Ward versucht, seiner persönlichen Moral verpflichtet zu bleiben und zerbricht schließlich an seinem Willen zur Gerechtigkeit.

2012 wurde Paperboy mit Matthew McConaughey und Nicole Kidman in den Hauptrollen verfilmt. Nach dem Trailer zu urteilen kann man hier wie so oft raten: Lieber lesen als schauen! Allerdings haben wir dieser Verfilmung die Neuauflage von Paperboy, das im amerikanischen Englisch schon 1995 erschienen ist, zu verdanken. Allein die schwüle und angespannte Stimmung, die sich in jedem Satz von Dexters schlichter Prosa wiederfindet, ist das Lesen wert. Doch das Buch ist noch mehr, nämlich eine genaue Beobachtung menschlicher Charaktere und ihrer Abgründe. Deshalb und zum Beweis ein kleines Zitat von Jack zum Abschluss: „Jeden Abend fuhr ich nach der Arbeit nach Thorn zum Haus meines Vaters und dachte unablässig an Charlotte Bless. Ihnen sind vielleicht schon Hunde aufgefallen, die sich über einen Kadaver im Gras rollen, weil sie den Geruch in ihr Fell reiben wollen. Genauso wollte ich sie.“

Pete Dexter: Paperboy

Aus dem Englischen von Bernhard Robben

Liebeskind

München 2013

320 Seiten – 19,80 Euro


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