Fabian Stiepert | Drucken03.02.2016 

Nebensachen aus fünf Jahrzehnten

Peter Handkes „Tage und Werke“ ist eine Sammlung von Rezensionen und anderen Texten, die nebenbei entstanden sind. Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck

Vor etwas mehr als zwei Jahren feierte Peter Handke sein Berufsjubiläum. Nachdem er in den sechziger Jahren sein Jurastudium abgebrochen hatte, konnte er mit seinem ersten Roman Die Hornissen Geld als freier Schriftsteller verdienen. Oder wie es im Klappentext von Tage und Werke heißt: „das Schreiben, Aufschreiben, Verknüpfen, Unverknüpftlassen ist mein möglicher Beruf.“ So hat es sich der junge Handke gedacht, bevor sein Stern am Literaturhimmel unaufhörlich stieg und er als einer der jüngsten Büchnerpreisträger aller Zeiten in die Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur einging.

Nun gab es zu diesem Berufsjubiläum nicht etwa ein rauschendes Fest oder, wie in anderen Betrieben üblich, eine goldene Uhr, die in diesem Fall der Suhrkamp-Verlag hätte spendieren müssen, sondern einen Band mit Texten, Rezensionen und Reden, die Handke über die Jahrzehnte hinweg immer wieder für Zeitungen, Radio und Anlässe wie Preisverleihungen verfasst hat. Das edle Kernziel des Buches ist es, wie im Vorwort formuliert wird, die Lust am Lesen weiterzugeben. Eine gewisse Polemik gehört dabei auch dazu.

So mokiert sich Handke kunstvoll über die daneben gegangene Lobhudelei von Uwe Tellkamp auf die Gedichte von Friederike Mayröcker, die er auf dem Buchrücken von Dieses Jäckchen (nämlich) des Vogelgreif fand. Es ist bekannt, dass Mayröcker und Handke im brieflichen, durchaus herzlich zu interpretierenden Kontakt zueinander stehen. Dass er den Band mit Mayröcker-Gedichten aber schon gar nicht erst lesen wollte, weil ihm Tellkamps Worte („(...) sie gehört zu den mächtigsten Sprach-Zauberinnen, die je gelebt haben.“) als Geschwafel erscheinen, das ist schon ein hartes, wenn auch vergnügliches Abwatschen.

Die deutschsprachige Literatur steht aber gar nicht im Zentrum von Handkes Betrachtungen. Zum Teil sind es Autoren, die wirklich kaum einer kennt, die ihn zur absoluten Begeisterung hinreißen. Oder haben Sie schon einmal von Kito Lorenc oder Dimitri Analis gehört? Selbst als notorischer Vielleser, der sämtliche Feuilletons durchstöbert, sind einem diese Namen böhmische Dörfer.

Nicht nur Lektüreaufforderungen (Empfehlung wäre für Handkes durchschlagende Sprache ein zu zahmes Wort) und essayistische Annäherungen an Autorenkollegen machen diesen Band aus. Es sind auch Porträts dabei, zum Beispiel – wer hätte das gedacht – des schwerreichen Hubert Burda. Liebevoll, aber auch kritisch geht er dabei mit dem Gatten von Maria Furtwängler um, wenn er schildert, wie er mit ihm lange Wanderungen unternimmt, Burda danach aber sofort am Handy hängt, um geschäftlich wichtiges zu besprechen.

Den Abschluss des Buches bildet eine Sammlung von Radio-Manuskripten, die Handke in den Jahren 1964 bis 1966 für die „Bücherecke“ im Radio Steiermark verfasst hat. Hier hätte man ruhig etwas besser auswählen können und eher auf Qualität statt Quantität gesetzt, denn viele der besprochenen Bücher sind nicht mehr erhältlich und einfach reine Saisonware von vor über fünfzig Jahren. Was Handke damals zu den frisch erschienenen Mythen des Alltags von Roland Barthes zu sagen hatte, ist wiederum durchaus interessant, weil die Neuartigkeit von Barthes’ Denken durch die Augen eines jungen Intellektuellen begreiflich gemacht wird.

Nun ja, Tage und Werke ist ein Buch für alle aufrichtigen Bewunderer und langjährigen Leser von Peter Handke. Bei aller Bewunderung lässt sich aber nicht übersehen, dass einige der Texte ihre Halbwertszeit weit überschritten haben, auch wenn das eigentliche Handke-Werk aus etlichen dutzenden Büchern an sich zeitlos erscheint. Denn nach uralten Rezensionen krähen höchstens die sehr nostalgischen Hähne und die Germanisten. Nach einem großen, komplexen Prosawerk hingegen verlangt es vielen. Daher wäre es schön, wenn uns Peter Handke nach all dem Beiwerk mal wieder etwas präsentieren könnte, das seinem Ruf nicht nur in Teilen, sondern im Großen und Ganzen vollauf gerecht wird.

Peter Handke: Tage und Werke – Begleitschreiben

Suhrkamp

Berlin 2015

287 S., 22,95 €


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