Fabian Stiepert | Drucken16.11.2013 

Welch berauschender Pilz-Trip

In Peter Handkes „Versuch über den Pilznarren“ zeigt sich der Autor in Höchstform

Die Versuche von Peter Handke gehörten seit längerem schon zum Hauptwerk des Österreichers, der seit über zwanzig Jahren von seinem verwunschenen Haus kurz vor Paris aus seinen eigenen literarischen Kosmos weiterspinnt. Umso schöner war es, als Handke Ende 2012 die Reihe seiner Versuche nach drei vorrangegangenen um einen vierten erweiterte. Der Versuch über den Stillen Ort wurde einhellig gelobt und man ging nicht zwingend davon aus, dass noch ein fünftes Versuchs-Buch (das französische Wort Essay ist für dieses ganz handke-eigene Genre unzureichend und unpassend) folgen würde. Nun hat Handke aber doch noch einen fünften Versuch vorgelegt, der die einstige Trilogie zu einer Pentalogie erweitert und zugleich auch abschließen soll.

Der Pilznarren-Versuch trägt den Untertitel Eine Geschichte für sich und jener Titelzusatz umkreist das ästhetische Programm, das sich Handke für diese Erzählung auferlegt hat. Ähnlich wie Jerry Seinfeld einst versuchte, in einer nach ihm benannten Sitcom eine „show about nothing“ abzuziehen, oder wie Gustave Flauberts nie verwirklichter Plan einen „Roman über das Nichts“ zu schreiben, so geht es Handke auf 217 Seiten ums pure Erzählen. Keine Moral der Geschichte, kein Symbolismus oder die großen existenziellen Fragen rund um Liebe und Tod. Schon ganz am Anfang weiß der Autor über den von ihm porträtierten Pilznarren: „Eine Geschichte wie die seinige, wie die sich ereignet hat, und wie ich sie, zeitweise aus nächster Nähe, miterlebt habe, ist jedenfalls noch keinmal aufgeschrieben worden.“

Der Pilznarr ist aber auch ein Sonderling! Schon in frühen Kinderjahren beginnt er mit dem systematischen Sammeln von Waldpilzen, um diese dann bei einer Pilzsammelstelle im Dorf früher Nachkriegsjahre abzuliefern. Dabei ist für ihn der finanzielle Gewinn nur ein angenehmer Nebeneffekt, der ihm die Finanzierung von Büchern (meist nutzlose Ratgeberliteratur) gewährleistet. Dem namenlosen Pilznarren geht es Zeit seines Lebens um den nicht sinngebundenen Spaziergang im Wald und das Aufstöbern jener organischen Wunderwerke, die sich bis heute nicht züchten lassen, sondern sich gänzlich nach den Gegebenheiten der Natur richten und diese zu ihrem Vorteil nutzen.

Trotz seiner Leidenschaft für die Natur fasst der „verschollene Freund“ in einem beruflichen Metier Fuß, das sich eher naturfern gibt. Wie auch einst Handke selbst, studiert der Pilznarr Jura und darf im Lauf seiner Karriere wichtige Fälle als Anwalt betreuen. Mittlerweile Vater geworden, geht er weiterhin seiner Leidenschaft nach und versucht, seiner Tochter die Natur näher zu bringen. Das über Jahre hinweg vom Pilznarren geplante Buch, in dem er zur Erkundung der Wald- und Pilzlandschaften aufruft, wird niemals realisiert. Die Geschichte mündet kurz vor Schluss im völligen Verschwinden. Kein Wunder, dass Handke das Wiederauftauchen des Pilznarren und das Leben an sich auf den letzten 20 Seiten gehörig zu feiern weiß. So einen sympathischen Zeitgenossen wie den Pilznarren, stellt einem die Literatur, allen voran Peter Handke, nur äußerst selten vor.

In diesem Buch zeigt sich Handke so stark wie schon lange nicht mehr. Die Motive werden genial variiert und im Text verteilt, so dass man an mehreren Stellen innerlich ein wenig aufglucksen darf über die Meisterschaft des Autors. Was diesen abschließenden Versuch aber endgültig zu etwas Besonderem macht, ist die Leichtfüßigkeit, mit der hier ein ganzes Leben (das des Pilznarren und auch ein wenig von Handkes eigenem Leben) erzählt wird. Viele behaupten, dass ein ganzes Leben nicht zwischen zwei Buchdeckeln erzählt werden kann. Peter Handke widerlegt diese Behauptung auf wenigen, wunderschönen wie einmaligen Seiten. Oder um es etwas mykologischer auszudrücken: So wenig wie die meisten Pilze sich nicht züchten lassen, so verhält es sich auch mit diesen sehr ausgefuchsten Autoren vom Schlag eines Peter Handke.

Peter Handke: Versuch über den Pilznarren

Suhrkamp

Berlin 2013

217 S. – 18,95 €


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