Fabian Stiepert | Drucken16.08.2012 

Das Leben nach der Uhr ist vorbei

Peter Kurzecks neues Hörbuch „Unerwartet Marseille“ ist die Erzählung von einem stetig Reisenden und wie er Schriftsteller geworden ist

„Ich weiß, dass ich ungefähr Mitte der 60er-Jahre, vielleicht sogar 64 schon, vielleicht 65 und ganz sicher aber 66, dass ich in diesen Jahren gemerkt habe, dass die Sommer von Jahr zu Jahr länger – und nicht nur länger –, sondern auch besser werden und dass ich eigentlich den Eindruck hatte, die Welt wird von Jahr zu Jahr besser.“ So begann Peter Kurzeck im Mai 2011 in der Universität Siegen zu erzählen. Wohl gemerkt, die Betonung liegt auf „erzählen“, denn auch wenn Peter Kurzecks großartiger Roman „Vorabend“ (s. dazu Leipzig-Almanach vom 20.7.11) damals erst vor kurzem erschienen war, so bestritt er den Großteil des Abends mit einer freien, mündlichen Erzählung über die heißen, langen Sommer seiner Jugend anstelle einer klassischen Dichterlesung.

Mucksmäuschenstill und nur von gelegentlichem Kichern unterbrochen hört das Siegener Publikum zu, wenn Kurzeck von seinen Reisen nach Schweden, Frankreich und Italien berichtet (Hörprobe). Völlig ungehindert brach man aus Kurzecks kleiner Heimatstadt Staufenberg auf und fuhr mit einem gebrauchten Mercedes hinaus in die weite Welt. Man landete spontan in Marseille, flanierte durch die Stadt und bewunderte die Fischverkäuferinnen am Hafen. Kurzeck arbeitete damals in einem Büro der US-Army, verpasste es aber rechtzeitig wieder zu seiner Arbeit nach Hause zurückzukehren. Also schrieb er ein Telegramm: „Unerwartet Marseille. Rückkehr verhindert.“

Entlassen wurde er trotz dieser etwas provokanten Notlösung nicht. Aber sobald sich die Möglichkeit ergab, reiste er weiter durch Europa, um neben einigen Liebeleien auch den Prager Frühling miterleben zu können. Geschlafen habe er auf seinen Reisen kaum und die Müdigkeit und der Alkohol wurden zu seinen Drogen. Unter diesen Umständen ist es schier unglaublich, wie hellwach dagegen Kurzecks Erinnerungen erscheinen. Jede Autobahn, jede Straße, jeder Ort und jeder Mensch werden in Kurzecks Erzählung zum Teil eines lebendigen Berichts über die Jugend der Nachkriegsgeneration.

Aber nach vielen Reisen merkt Kurzeck, dass er seiner geregelten Bürotätigkeit nicht mehr nachgehen kann, denn es fühlt sich einfach nicht mehr richtig an, jeden Tag pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen. Er kündigt, weil er seine Tage frei gestalten will. Immerhin steht noch die Werkausgabe von Knut Hamsun im Regal und er möchte darin lesen soviel er will. Um zumindest das Nötigste an Finanzen beisammen zu haben für die monatliche Lebenshaltung, fängt er in einer Buchhandlung zu arbeiten an. Vier Stunden für ein paar Tage in der Woche zu arbeiten ist verschmerzbar, um endlich konsequent als ein mehr oder weniger freier Schriftsteller arbeiten zu können. Nach und nach entsteht in dieser Zeit der Roman Keiner stirbt, der bis heute als eines der Schlüsselwerke Kurzecks gilt.

Ganz am Ende des Abends in der Siegener Universität greift Kurzeck nach der langen Sommererzählung zu seinem Roman Vorabend und liest ein Stück vor. Immerhin ist Vorabend das Buch, das er immer, wahrscheinlich auch 1968 schon, schreiben wollte. So erscheint es nur logisch, wenn ein kurzer Ausschnitt aus diesem tausendseitigen Mammutwerk den Abschluss bildet.

Diese Form des Hörbuchs, bei dem der Romantext spontan und improvisiert entsteht, ist im Kosmos von Kurzeck nichts Neues. Bereits 2007 sorgte das frei erzählte Tondokument Ein Sommer, der bleibt für Aufsehen und gewann den Preis der HR2-Hörbuchbestenliste. Kein anderer Schriftsteller weiß das Medium Hörbuch so für sich zu nutzen. Es bleibt zu hoffen, dass ihm die Themen für weitere narrative Exkursionen in seine Vergangenheit nicht so schnell ausgehen. Wer so schön frei und mit einem breiten hessischen Dialekt erzählen kann, dem hört man gern stundenlang zu. Vor allem, wenn der Sommer 2012 (bisher) so enttäuschend ist.

Peter Kurzeck: Unerwartet Marseille, Peter Kurzeck erzählt

Regie: Jörg Döring

Stroemfeld Verlag

Frankfurt/Main Jahr

2 CDs, 120 Minuten – 19,80 Euro


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