Kathrin Rahmann | Drucken03.12.2016 

Zwischen „Winnetou“ und „Bahnhof Zoo“

Philipp Winklers Debüt „Hool“ ist ein kurzweiliger Roman über eine exotische Welt

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Was es nicht alles gibt! Typen, die sich aus Frustration zu „Matches“ treffen und sich wie Stammeskrieger die Köpfe einschlagen. Und Typen, die irgendwo im Wald leben, Hunde in Zwingern, einen Geier auf dem Dachboden und einen Tiger im Garten halten. Ist mein bürgerliches Heileweltleben der hiesigen Wirklichkeit schon so entrückt, dass ich Teile des Plots nur noch als deutsche Winnetou-Abenteuergeschichte lesen kann? Oder ist der Roman viel weniger dokumentarisch, als ich ihn mir vorgestellt habe?

Philipp Winkler kostet mit seinem Roman um den Hooligan Heiko den Kipppunkt zwischen Gesellschaftsroman und Abenteuergeschichte voll aus: die unverstandenen Subkulturen der Hooligans und Kampfhundezüchter auf der einen Seite, ein actionreicher Plot auf der anderen Seite.

Als Abenteuergeschichte ist Hool grandios. Flott erzählt, mit schnellen Schnitten, gut getroffenen Dialogen, großer Lebendigkeit der Sprache. Zwei Selbstmorde, ein Mord, zwei Trennungen, diverse Drogenkarrieren. Dazu die Hooligan-Matches und Schlägereien. Wenn hier nichts passiert, wo dann?

Mit Heiko hat Winkler einen Helden geschaffen, für den man fast gegen den eigenen Willen Sympathien entwickelt: einen intelligenten Schläger, der loyal ist, der überraschend tolerant und menschfreundlich sein kann. Aber auch einen, der sich vorschnell damit abgefunden hat, ein Loser zu sein. Einen, der zwar nicht kann, aber auch nicht will. Heiko hat keine politische Ideologie. Die organisierten Kampfevents in Wäldern, Parks und verlassenen Einkaufsmeilen folgen ihrer eigenen Ordnung. Diese Ordnung beginnt, in dem Moment zu bröckeln, als Heiko mit seinen Freunden heimlich einem Konkurrenten auflauert und ihn zusammenschlägt. Es folgt ein Racheakt, in dem Heikos bester Freund, ein Bruder fast, schwer verletzt wird. Als mehrere seiner engsten Freunde daraufhin aus der Szene aussteigen, bricht für Heiko eine Welt zusammen. Gleichzeitig blitzt die Hoffnung auf, er könnte der Welt der brutalen körperlichen Gewalt entfliehen.

Für einen authentischen Einblick in die Hooligan-Szene ist der Hauptfigur Heiko zu viel Schicksal aufgebürdet, und noch dazu ein ziemlich stereotypes Schicksal. Die Mutter verlässt die Familie. Der durch einen Arbeitsunfall berufsunfähige Vater besorgt sich eine Frau aus Thailand und versäuft seine Rente. Heiko ist es beschieden, bei jedem Unglück zufällig dabei zu sein, insbesondere bei Todesfällen. Alle Frauenfiguren sind Abziehbilder und die Bandenbosse der Hooligans und Rocker sind genau so, wie man sich Bandenbosse immer vorstellt: muskelbepackt, ungepflegt, skrupellos, in der Drogenszene zuhause.

Es lohnt sich, sich auf Heikos Geschichte einzulassen, schon allein deshalb, weil Winkler ungeheuer kurzweilig erzählt. Wie authentisch der Einblick ist, den Winkler geben kann, bleibt offen.

Philipp Winkler: Hool

Erschienen beim Aufbau Verlag

Berlin 2016

312 Seiten, 19,95 Euro


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