Teresa Merfert | Drucken26.01.2015 

Bühne für Komiker und Hochstapler

Roger Willensem hat für sein Buch "Das Hohe Haus" ein Jahr lang den Bundestagspolitikern im Parlament zugeschaut

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht im Bundestag, 2014 (Foto: Tobias Koch/CC BY-SA 3.0 DE)

Der Bundestag als Kabarett, so die Devise von Roger Willemsens Buch Das Hohe Haus. Es wurde schon oft gesagt, dass der Autor und ehemalige Fernsehmoderator sich ein Jahr lang bei jeder Sitzung auf die Tribüne des Bundestages setzte und dokumentierte, was er dort erlebte und beobachtete. Der arme Mann! Aber zum Glück hatte er ja ein Kissen dabei, schrieb dieses Buch und kann diese furchtbare Zeit mit uns teilen. Denn wie er selbst in einer szenischen Lesung im Nationalratssitzungssaal des österreichischen Parlaments sagte: „Ich habe für Sie gelitten […] und von diesem Leiden möchte ich Ihnen gerne etwas zurück geben.“ Wir danken Ihnen dafür!

Das Buch wird hochgefeiert, es war beispielsweise lange auf Rang eins der Spiegel-Bestsellerliste und nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2014 im Bereich Sachbuch/Essayistik. Pressestimmen besagen, es sei ein „messerscharfer Blick hinter die Kulissen des Bundestags“ und „ein aufregendes Buch“. „Aufregend“ ist es auf eine andere Art und Weise, als man sich sonst Literatur unter diesem Begriff vorstellt. Es besitzt weder die Spannung eines Krimis, den Nervenkitzel eines Abenteuers oder die Dramatik einer Liebesgeschichte. Das Hohe Haus ist ja auch eine Dokumentation.

Roger Willemsens Buch ist „auf-regend“ einerseits, weil es sich über die Politiker echauffiert, andererseits, weil man gespannt ist, was für einen Blödsinn dieselben Leute sich auf der nächsten Seite wieder an den Kopf werfen. Dies vermischt der Autor mit feinfühligen Beschreibungen seiner Umwelt, etwa des Bundestagsgebäudes oder der Mit-Zuhörer auf den Tribünen. Manchmal kommen noch ein paar Schmankerl über die Politiker außerhalb der üblichen Umgebung des Hohen Hauses hinzu, die sich dort zu oft nicht so präsentieren, wie sie es in den Sitzungssälen von ihren Mitmenschen fordern.

Willemsen wollte herausfinden, „wo der kostbare Rohstoff Leidenschaft im Parlament sichtbar wird.“ Wie treten die Politiker im Parlament auf, wie vertreten sie uns und, vor allem: „Wissen sie von uns?“ Am Ende des Buches würde man diese letzte Frage wahrscheinlich eher verneinen. Denn was Willemsen uns in dieser Dokumentation zeigt, sind Politiker, die sich selbst beweihräuchern, oder dass eine Beschimpfung die nächste abklatscht.

Die Reden stehen allein im Raum, fernab von jeglicher Realität, zumindest scheint es so. Gesprochen wird über das Leid in der Welt, Waffenexporte und horrende Summen, die die Mittelschicht an heruntergekommene Banken abtreten muss. Beschlüsse werden getroffen – oder eben nicht –, die weder verständlich noch nachvollziehbar sind, und Themen werden nebeneinander gestellt, die in keinem Maß zu vergleichen sind. Rüstungsexporte begründen die Akteure mit „der Erhaltung der Menschenrechte“ und besprechen im nächsten Moment die Petition einer Bürgerinitiative, die tot geborene Kinder mit einem Gewicht von unter 500 Gramm als Menschen benannt sehen will. Das sieht eher nach Heuchelei aus, als dass man es menschlich und sensibel bezeichnen kann. Und wo bleiben wir? Wahrscheinlich genau da, verwendet als Beispiel für die Großzügigkeit des Parlaments, so scheint die Antwort Willemsens zu sein. Denn ansonsten werden große Reden gehalten, deren Redner „stolz auf diese Regierung [sind]“, wie es Volker Wissing sagt, und Willemsen klärt den Leser darüber auf, was er sonst wahrscheinlich übersehen hätte: „Da er Teil der Regierungskoalition ist, ist er eigentlich stolz auf sich, und das glaubt man ihm auch.“ Und so weiter. „Ein messerscharfer Blick hinter die Kulissen des Bundestages“, das ist dieses Buch wirklich. Es klärt auf, wie es im Hohen Haus abläuft, zumindest zu dessen Sitzungen. Diese scheinen nur ein Schauspiel für die Zuschauer zu sein, denn die wirkliche Arbeit von Politikern wird dabei nicht gezeigt.

Willemsen hat mit diesen Buch eine gute Satire geschrieben, die sich empört und über die Politiker und ihre Reden lustig macht. Seine Quälerei, die täglichen Sitzungen im Plenarsaal, bekommt der Leser aber auch zu spüren. Die Reden, die sich eigentlich gleichen und nur thematisch ausgetauscht werden, die gegenseitigen Beleidigungen und Zwischenrufe werden mit der Zeit etwas mühselig. Da können selbst der Humor und die Komik Willemsen nicht immer darüber hinweghelfen.

Das Hohe Haus ist dennoch zu empfehlen, denn man kann darin viel über Politiker und ihre Rhetorik lernen. Es ist „aufregend“, aufklärend und offenbart uns das, was uns durch die beschränkte eine Stunde Zuhören im Plenarsaal erspart bleibt.

Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament

S. Fischer Verlag

Frankfurt/Main 2014

400 S. – 19,99 Euro


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