Fabian Stiepert | Drucken23.03.2017 

Ein Rätsel zum Schluss

Martin Walser wird 90. Sein neuestes Buch ist rätselhaft, komplex und vielleicht sogar avantgardistisch

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Wer Martin Walser einmal in Persona erleben darf, der wundert sich. Die Augenbrauen sind wirklich so buschig und überdimensioniert, wie sie auf etlichen Fotos erscheinen und die Wangen ebenso gerötet vom Rotwein. Trotz dieser außergewöhnlichen, fast ins extreme gehenden Merkmale: Der Mann ist und bleibt eine Instanz und einer der letzten noch lebenden Dinos der Gruppe 47 und der deutschen Nachkriegsliteratur.

Nun wird Martin Walser dieser Tage 90 Jahre alt. Die Feuilletons werden massenhaft bestückt sein mit Artikeln und Rückschauen zu seinem Schaffen. Im Januar hat der Grand Seigneur seinen Lesern und vermutlich auch sich bereits ein Geschenk vorab gemacht und seinen neuesten Roman Statt etwas oder Der letzte Rank veröffentlicht. „Was soll denn ein Rank sein?“, fragt sich manch einer und die Definition aus dem Grimmschen Wörterbuch ist dem Romantext praktischerweise vorangestellt. Im Schweizerischen versteht man darunter eine Wendung oder Krümmung des Weges. Im Sprachgebrauch des Jägers bezeichnet es eine Wendung, die der Gejagte nimmt, um dem Jäger zu entgehen.

Welch schöne Mehrdeutigkeit dieses kaum noch bekannten Wortes. Denn auch der Romantext erweist sich in seinen über 50 kürzeren Kapiteln auf knapp 170 Seiten als schwer fassbar. Sobald man meint, in einem der Kapitel vollauf Zugang gefunden zu haben, geht es im nächsten Abschnitt schon wieder um etwas ganz anderes. Die einzige Konstante scheint die für Walser typische Sprache zu bleiben, auch wenn es immer wieder Wechsel von der Prosa in die Lyrik hinein gibt. Allem voran der schöne erste Satz „Mir geht es ein bisschen zu gut“ tritt mantraartig in etlichen Kapiteln auf. Da wundert sich also jemand darüber, dass er noch da ist und dazu auch noch – für sein Alter – so fit und produktiv? Kaum ein Jahr verging seit der Jahrtausendwende, ohne etwas Neues aus Walsers Feder. Höchstens Friederike Mayröcker, die dieses Jahr 93 wird, kann da in Sachen Produktivität mithalten.

Aber worum geht es nun in diesem sprichwörtlichen „Rank“-Roman? Fakt ist: Es gibt eine erzählerische Instanz, die „Ich“ sagt, dafür aber wiederum auf verschiedene Namen hört. Mal wird dieses „Ich“ Otto genannt, mal heißt es „Bert“. Berichten möchte es von unterschiedlichen Stationen aus seinem Leben: von der Liebe, von Freundschaften und Feindschaften, vom großen Triumph oder von bitterbösen Niederlagen. Allzu Autobiographisches schimmert nur ganz am Rande hindurch. Man könnte meinen, dass Walser noch ein letztes Mal zu den Fehden mit Marcel Reich-Ranicki oder der über Wochen hinweg geführten Debatte zu seiner Paulskirchen-Rede etwas sagen möchte. Ob das nun Eitelkeit ist oder der Wunsch, bestimmte Akten des Lebens zu schließen, dies sei dahingestellt. Auf seltsame Art unterhaltsam liest es sich trotzdem.

Martin Walser selbst deklariert dieses Buch als seinen Abschied von der Belletristik. Und auch wenn es in seiner Kürze die Bilanz eines Lebens liefert, so ist es doch ein Buch für langjährige Walser-Leser. Es scheint einfach eine bei gealterten Autoren um sich greifende Angewohnheit zu sein, den Stoff später Werke aufs fast schon Aphoristische zu verkürzen. Um dort als Leser gedanklich (man könnte auch sagen: bei jedem „Rank“) mitkommen zu können, muss man die alten Hasen schon sehr gut kennen. Selten hat sich dieser zusätzliche Aufwand so sehr gelohnt wie bei Martin Walser. Möge er uns noch lange erhalten bleiben.

Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank

Rowohlt

Reinbek 2017

176 Seiten, 16,95 Euro


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