Kathrin Rahmann | Drucken05.06.2016 

Der Schrecken des Natürlichen

Antje Rávic Strubel zeigt in „In den Wäldern des menschlichen Herzens“ Menschen, die an ihren eigenen Wünschen scheitern. Sie wollen das Unverfälschte und erschrecken, wenn sie es finden

Das romantische Zeitalter ist vorbei? Weit gefehlt. Antje Rávic Strubel lässt es wieder auferstehen. Sie schickt ihre Figuren auf die Suche nach dem Unbedingten, nach Zuneigung und körperlicher Anziehung, die nicht durch alltägliche Vorstellungen in Grenzen gewiesen werden. Da ist Faye, die an Emily, einer Freundin aus Kindertagen, wie an einer Schwester hängt. Emily aber fühlt sich – für Faye völlig unverständlich –zum Gender-Grenzgänger Leigh hingezogen. Da ist außerdem Helen, die sich in zwei Frauen verliebt, Faye und Sara, und sich für keine entscheiden kann. Also versuchen sie es zu dritt, nicht in Berlin, nicht in LA, sondern in Schweden. Und zuletzt ist da noch René, eine Grenzgängerin wie Leigh, die schließlich in Emily nicht nur eine Liebespartnerin findet, sondern auch eine Übersetzerin für ihre Bücher. Dieses Netzwerk spannt Rávic Strubel zwischen ihren Figuren aus. Egal ob in Deutschland, in Schweden, in Finnland oder den USA, ihre Frauen suchen alle den Ort, an dem sie sein dürfen, was sie glauben sein zu wollen. Dazu gehen sie über den Ozean und sogar in die Wildnis: die Seen und Eislandschaften Finnlands, die amerikanischen Nationalparks, die Wälder Skandinaviens. Sie stoßen dort stets auf ihre eigenen Grenzen.

Dass der Roman ein romantisches Buch ist, merkt man nur lange gar nicht. Die romantischen Entwürfe unserer Gegenwart, die Rávic Strubel erkundet, muten zunächst gar nicht so romantisch an und sind es, sieht man genau hin, doch. Katja, René, Emily, Faye, Leigh, Helen, Sara, Norman, Ute – alle Figuren sehnen sich nach Beziehungen jenseits von Geschlechterrollen und Beziehungsentwürfen. In der schroffen Natur suchen sie Antworten. Sie müssen feststellen, dass der Wille allein nicht genügt. Sie träumen vom Extremen und Unbedingten – in der Wüste, in Wäldern, in reißenden Bächen und im ewigen Eis –, aber der Sehnsuchtsort Natur verweigert sich: Es gibt keinen Handyempfang. Die Menschen, die dort immer leben, sind seltsam rau und ungehobelt. Die Mücken stechen. Der Langlauf im Eis zeigt, was der Körper nicht leisten kann. Unkatalysierte männliche Kraft wird zur Bedrohung. Sich die Natur zu erobern entpuppt sich als genauso anstrengend wie sich selbst im Rahmen einer Beziehung zu behaupten.

Wollen allein reicht nicht, um aus einer schönen Idee ein schönes Erleben zu machen. Auch für den Leser nicht. Obwohl Rávic Strubel eigentlich perfekte Geschichten erzählt, wittert man das gewollt Exemplarische: jede Konstellation scheint stellvertretend für eine mögliche Variation der Geschlechterrollen zu stehen. Und genau an dieser Stelle werden die Figuren zu Typen, die eine Choreographie durchführen, die die Autorin für sie entworfen hat, werden Marionetten eines Themas. Liebe ist ein Thema, das normalerweise kaum einen Leser unberührt lässt. Hier schon. Man stellt das Buch ungerührt ins Regal und hat die Geschichte eigentlich schon wieder vergessen.

Antje Rávic Strubel: In den Wäldern des menschlichen Herzens

Episodenroman

S. Fischer Verlag

Berlin: Februar 2016

272 Seiten – 19,99 Euro


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