Steffen Kühn | Drucken27.09.2010 

Subjektiv empfundene Wahrheiten

Warum Thilo Sarrazins Machwerk „Deutschland schafft sich ab“ naiv ist

Jeder Mensch darf in jedem Land der Welt leben. Unter dieses Motto hat sich die internationale Staatengemeinschaft in Organisationen wie der UNO oder der EU gestellt. Und dieses Motto bestimmt die Urteile, die in Konfliktsituationen gefällt werden. Darf aber dagegen jeder Nationalstaat eigene Bedingungen und Gesetzte schaffen, welche gegebenenfalls einzelnen Bevölkerungsgruppen Integrationsleistungen aufbürdet oder die Ausübung bestimmter nationaler oder religiöser Eigenheiten einschränkt? Ich glaube, dass Thilo Sarrazins sehr polemische Schrift Deutschland schafft sich ab im Grunde versucht, diese Frage zu beantworten.

Sarrazins Grundhaltung ist: Deutschland und die „Einheimischen“ hätten die Verpflichtung den deutschen Nationalstaat zu erhalten. Aus den Grundpfeilern unsere Gesellschaft – den christlichen Traditionen, der humanistischen Bildung und der deutschen Sprache – sind die Ziele der Politik abzuleiten. Hat Deutschland das Recht aus dieser Grundannahme Integrationsleistungen zu fordern, bestimmte nationale oder religiöse Eigenheiten wie das Tragen eines Kopftuchs zu verbieten? Sarrazins Antwort ist „Ja“. Deutschland hat das Recht, sogar die Verpflichtung dazu. Soweit so gut oder doch nicht gut, denn in der Begründung einer so klaren Antwort liegt natürlich eine gewisse Schwierigkeit. Nichts kann darüber hinwegtäuschen, dass hinter den vielen Zahlen und Statistiken, welche der Autor auffährt, um seine These zu beweisen, der Wunsch steht, Deutschland in seiner kulturellen Integrität und seiner wirtschaftlichen Stärke zu erhalten und zu fördern. Mit welcher Naivität Sarrazin dabei vorgeht liefert er auf Seite 11 gleich mit:

„Ich stütze mich in meinen Ausführungen auf empirische Erhebungen, argumentiere aber direkt und schnörkellos. Es geht mir vor allem um Klarheit und Genauigkeit. Die Zeichnung ist daher kräftig, nicht unentschlossen oder krakelig.“

Sarrazin möchte endlich mal all das sagen können, was er in 35 Jahren in seinen verschiedenen politischen Ämtern alles zurückgehalten hat, dazu auf Seite 12:

„Meine Chefs mussten politisch überleben, und ich war dazu da, ihnen dabei zu helfen. Das hatte seinen Preis: Oftmals konnten subjektiv empfundene Wahrheiten nur dosiert vorgetragen werden.“

„Subjektiv empfundene Wahrheiten“ – hier liegt das große Dilemma des Thilo Sarrazin. Er kann sich einfach nicht damit abfinden, dass richtige Grundannahmen und Überzeugungen in einer komplexen Gesellschaft und in der globalisierten Welt vermittelt werden müssen und nur über den Weg des Kompromisses die Möglichkeit haben, umgesetzt zu werden. Der mühsame Weg des Überzeugens und des Motivierens ist der seine nicht. Dass es seinem Umfeld nicht gelingt, ihn vor polemischen Schriften und Aussagen zu bewahren, ist sehr schade, da er dadurch die Chance verspielt, dass viele seiner überlegenswerten Ansätze gehört und wirklich diskutiert werden. Zum Beispiel ist es richtig zu analysieren, weshalb in den naturwissenschaftlichen Studiengängen nur cirka 70 Prozent der Studienplätze genutzt werden und auf die Folgen hinzuweisen, die das haben wird und ja auch schon hat. Seit Jahren beklagt die deutsche Wirtschaft einen Fachkräftemangel im Ingenieurbereich. Richtig ist auch, die Familienpolitik zu hinterfragen. Warum findet sich Deutschland mit einer Geburtenrate von 1,4 pro Frau ab, wo es doch in vergleichbaren Ländern wie Frankreich oder Schweden wieder eine Geburtsrate von ca. 2,0 gibt. Auch auf den Zusammenhang zwischen Bildung und Migrationshintergrund hinzuweisen ist durchaus legitim. Was passiert (rein statistisch), wenn in den geburtenstarken Bevölkerungsschichten nur sehr wenige einen Hochschulabschluss erlangen?

Mit statistischen Hochrechnungen malt Sarrazin düstere Bilder der Zukunft Deutschlands. Vorschläge zur Veränderung verstecken sich oft nur in einem ironisierenden Palaver, für eine sorgfältige Analyse von Entwicklungen in vergleichbaren Ländern hat sich der Autor keine Zeit genommen. Wie hat es Frankreich geschafft, seine Geburtsrate zu erhöhen? Welche Auswirkungen hat die rigide Einwanderungspolitik der Schweiz?

Es ist sehr schade, dass sich Thilo Sarrazin durch seine beißende Polemik und sein Nichtanerkennen der Mechanismen des gesellschaftlichen Diskurses selbst ins Abseits stellt. Ich denke, dass das noch korrigierbar ist – und hier ist in allererster Linie seine Partei, die SPD, gefragt. Einen intelligenten Kopf, der an Deutschland und seine Werte glaubt, darf man es nicht erlauben, sich ins Abseits zu stellen!

Thilo Sarrazin:

Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen

DVA, München 2010

464 S. – € 22,99


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