Fabian Stiepert | Drucken23.11.2013 

Eine bewegende Chronik des Scheiterns

Die späten Tagebücher von Imre Kertész berichten vom Kampf eines alten Mannes mit der Welt

Parkinson, schwindende Libido, die Überforderung mit neuer Technologie, ständige gesundheitliche Probleme, Unentschiedenheit hinsichtlich des eigenen Wohnortes (Budapest oder Berlin), Eheprobleme, die Krebserkrankung der eigenen Ehefrau, Heimatlosigkeit, die verquere politische Situation in Ungarn und im Rest der Welt, die falsche Rezeption des eigenen Werkes in Ungarn, die Unmöglichkeit, sich über den Literaturnobelpreis zu freuen, abnehmende Produktivität, die chaotische und nicht mehr zu bewerkstelligende Erledigung von Formalitäten und Korrespondenzen. Und über alldem schwebend: der Holocaust.

Um all das und um nichts weniger geht es in Imre Kertész’ „Letzte Einkehr“, seinem womöglich letzten Buch, das die Tagebücher von 2001–2009 beinhaltet. Gleich zu Beginn sieht sich der Diarist mit der ihm gestellten Parkinsondiagnose konfrontiert. Das Schreiben per Hand ist ihm kaum noch mögich und nun soll er sich mit über 70 Jahren auch noch an das Schreiben mit einem Laptop gewöhnen. Dabei steht für Kertész, wenn es nach ihm geht, noch ein Buch aus, das sein Gesamtwerk in aller Konsequenz beenden soll. In der den Tagebüchern ihren Titel verleihenden Letzten Einkehr soll es für Kertész um Alles gehen, also um die absolute Auslöschung und Vernichtung, den absoluten Tod einer literarischen Figur „ohne jede Erklärung und ohne jede sogenannte Philosophie“.

Wie Kertész sein Scheitern an diesem letzten Projekt in den Tagebüchern schildert, ist bedrückend und mitreißend, weil die Hochgefühle und Schwächeperioden des Autors absolut unvorhersehbar sind. Der 2002 erhaltene Literaturnobelpreis wird damit von heute auf morgen zur „Glückskatastrophe“, weil er Kertész einerseits einen luxuriösen Lebensstil frei von finanziellem Druck ermöglicht, zugleich aber auch massenweise Anfragen auf ihn niederprasseln, die ihn im vorgerückten Alter merklich überfordern, so dass Mitarbeiter von Suhrkamp und Rowohlt (Kertész wechselte für wenige Bücher zu Suhrkamp, kehrte aber schnell wieder zu Rowohlt zurück) ihm immer wieder unter die Arme greifen müssen im täglichen Kampf mit der Post aus aller Herren Länder, deren Verlage Kertész Bücher – jetzt, da er den „literarischen Hauptgewinn“ erhalten hat – herausbringen möchten.

Es liesse sich sehr viel schreiben über diese Lebenschronik eines in größtmöglicher Würde alt gewordenen Mannes. Nun ist es aber schwer, haargenau zu benennen, wieso die Lektüre dieser Tagebücher so sehr nachhallt, ist ihr Inhalt doch öfter selbstmitleidig-suizidal; was aber auch gestattet sein muss, wenn jemand wie Imre Kertész in jungen Jahren nur knapp dem Grauen von Auschwitz und Buchenwald entfliehen konnte. Somit bleibt die Faszination dieser anfangs lebensprallen und zum Ende hin immer kürzer und bruchstückhafter werdenden Tagebuchnotate im Diffusen, genauso wie die Letzte Einkehr, die als Fragment und Ideensammlung in der Mitte der Tagebücher zwischengeschaltet wurde, um einen Eindruck dessen zu vermitteln, was Kertész als Idee im Kopf herumschwirrt, aber aufgrund körperlicher Gebrechen und anderer geriatrischer Begleiterscheinung am Ende scheitert. Mit anderen Worten: Gäbe es Wunder, würden wir auch noch eine finale Version von Letzte Einkehr zu lesen kriegen. Aber es gibt keine Wunder, sondern nur diese Tagebücher. Und das ist ein starker Trost.

Imre Kertész:

Letzte Einkehr – Tagebücher 2001–2009 Mit einem Prosafragment

Rowohlt

Reinbek bei Hamburg 2013

464 S. – 24,95 €


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