Fabian Stiepert | Drucken01.09.2015 

Insellust und Stadtfrust

Kristine Bilkau legt einen Debütroman über Gentrifizierung und Leistungsdruck vor, Stepen King spürt einem sonderbaren Pfarrer nach und Ulrike Draesner schwärmt von Hiddensee


Liebeserklärung an eine Ostseeinsel

Spätestens seit Lutz Seilers Kruso 2014 erschien ist, sollte die Insel Hiddensee (gerne auch das Ibiza des Ostens genannt) noch mehr touristischen Zustrom erfahren als früher schon. Eine, die da schon viel länger Urlaub macht, ist Ulrike Draesner. In der „Insel-Reihe“ des Mare-Verlags schreibt Draesner sehr, teilweise ein bisschen zu sehr, persönlich über ihre Lieblingsinsel, die sie seit den 1990er Jahren regelmäßig bereist. Offenbar hat die Autorin Hiddensee ausgiebig bewandert, so eindrücklich sind die Schilderungen von Flora und Fauna. Wer völlig im Text versinkt, hat schon fast das Gefühl, dass einem beim Lesen die Brise in den Nacken bläst. Wer also auch mit Seilers Hiddensee-Roman Kruso nicht so recht warm geworden ist, dem sei Draesners bei weitem zugänglichere Liebeserklärung an diesen Wonneort ans Herz gelegt.

Ulrike Draesner: „Mein Hiddensee“

Erschienen im Mare-Verlag

18 €, 192 Seiten


Ein Pfarrer auf Abwegen

Kaum ein Autor wird hinsichtlich seiner intellektuellen Relevanz so falsch eingeschätzt wie Stephen King. Wer den Großmeister des modernen Horrors als reinen Unterhaltungsautor abstraft, der wird mit Kings aktuellem Roman gnadenlos Lügen gestraft. In Revival lernen wir Jamie kennen, der von Kindesbeinen an mehr oder weniger unfreiwillig von einem Pastor verfolgt wird, der eine Vorliebe für elektronische Spielereien hat. Nachdem Pastor Jacobs durch ein gravierendes Unglück vom Glauben abfällt, verdingt er sich als eine Art Elektro-Magier auf Jahrmärkten und wird nach und nach sogar berühmt damit. Als Pastor Jacobs Allmachtsphantasien verfällt und meint, dank Elektrizität schwer kranke Menschen heilen zu können, überschlagen sich die Ereignisse.

Nur wenige deutschsprachige Autoren bekennen sich dazu, glühende King-Leser zu sein, unter ihnen Daniel Kehlmann, Martin Walser und Dietmar Dath. Dabei könnte die oft dröge deutsche Gegenwartsliteratur sehr viel von Stephen King lernen, eben weil er nicht nur seine Leser das Fürchten lehrt, sondern weil er auch ein gnadenlos guter Beobachter der amerikanischen Alltagskultur ist. Somit handelt Revival im Großen und Ganzen von dem, was unser aller Leben ausmacht, denn das Buch strotzt abseits allen Grusels nur so vor gänzlich unkitschig erzählten Glücksmomenten. Kurzum: eine seligmachende Lektüre, wie man sie nur selten erlebt.

Stephen King: „Revival“

Erschienen bei Heyne

22,99 €, 512 Seiten


Auf der Suche nach dem Großstadtglück

Als Großstadtgewächs hat man es heutzutage schwer. Der Wohnungsmarkt in Berlin, Hamburg, München und Köln ist so angespannt wie noch nie und man kann froh sein, wenn man eine bezahlbare Bleibe gefunden hat. Neben einer schönen Wohnung gibt es aber noch ganz andere Dinge, die das Leben lebenswert machen und ebenfalls Geld kosten. Aber was, wenn das alles nicht mehr leistbar ist, weil einem unvorhergesehene Ereignisse, die man im Fünfjahresplan nicht vermerkt hatte, einen Strich durch die Rechnung machen? Davon erzählt Kristine Bilkaus Debütroman Die Glücklichen.

Isabell, Cellistin in einem Musicalorchester, und Georg, Journalist, müssen genau diese quälende Frage des Mithaltenkönnens durchleiden, als beide ihrem Job nicht mehr in gewohnter Form nachgehen können und auch noch eine Mieterhöhung ins Haus flattert, nachdem das seit Jahren bewohnte Mietshaus von der Verwaltung rundum saniert wurde. Zugegebenermaßen ist Bilkaus Sprache oft etwas zu beobachtend-journalistisch und auch die Psychologisierung ihrer Figuren fällt ab und an etwas dürftig aus. Nichtsdestotrotz ist Die Glücklichen ein waschechter Gegenwartsroman über Gentrifizierung und Leistungsdruck, wie es ihn leider viel zu selten gibt. Allein deshalb lohnt sich die Lektüre.

Kristine Bilkau: „Die Glücklichen“

Erschienen bei Luchterhand

19,99 €, 304 Seiten


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