Holger Leisering | Drucken24.08.2019 

Unter Verwendung des Siebenstriemers

Christoph Heins „Verwirrnis“ erzählt von homosexueller Liebe in der DDR. Trotz des bisweilen zu pedantischen Stils geht der Roman in lesenswerter Weise durch die Jahrzehnte

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Christoph Hein, geboren 1944 in Schlesien, wuchs in Bad Düben auf. Er arbeitete zunächst unter anderem als Montagearbeiter, Buchhändler, Journalist und Schauspieler. 1964 legte er sein Abitur an der Abendschule ab, studierte in Berlin und Leipzig Philosophie und Logik. Seit 1979 war er als freier Schriftsteller tätig, 1982 erschien die Novelle Der fremde Freund. Sein frischer, klarer, sachlicher Erzählton signalisierte die Maßgabe des Unverfälschten in der sonst oft tendenziösen Literatur der DDR. Es erschienen zahlreiche Erzählungen, Essays und Romane, beispielsweise Horns Ende, Der Tangospieler und Landnahme, außerdem Theaterstücke. Es wäre unverhältnismäßig, alle Werke des so unermüdlich Schaffenden aufzuzählen, wie auch von den zahlreichen Auszeichnungen nur stellvertretend einige genannt sein sollen: Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR, Lessing-Preis der DDR, Erich-Fried-Preis (Wien), Berliner Literaturpreis, Österreichischer Staatspreis und Uwe-Johnson-Preis.

Verwirrnis erzählt zunächst vom Vater Pius Ringeling. Im erzkatholischen Heiligenstadt geboren, durchsteht der Monarchist die 12 Jahre Jahre faschistischer Diktatur, regiert autoritär über seine Familie und erzieht seine beiden Söhne mit harter körperlicher Bestrafung unter Verwendung des Siebenstriemers. Nach der Züchtigung stellt er die rituelle Frage, wen das Auspeitschen am meisten schmerzt, sie ist zu beantworten mit: Dich, lieber Vater, dich! Im 11. Schuljahr kommt ein neuer Schüler in die Klasse: Wolfgang Zerrnick, der Sohn des Kantors der katholischen Kirche St. Aegidien. Ihn und Friedward Ringeling verbindet bald eine enge Freundschaft, sie lesen Dichtung, interessieren sich für Robert Musil und Thomas Mann. Der Freund, leistungsstarker Schüler und Katholik, zudem aus guter Familie, ist auch zu Hause gern gesehen. Dies ändert sich abrupt, als Pius Ringeling die beiden bei homosexuellen Handlungen überrascht.

Homosexualität als Sünde

Für den gläubigen Katholiken im Nachkriegsdeutschland gilt Homosexualität als Sünde, er bezeichnet sie als Sodomie und straft mit dem Siebenstriemer. Völlig außer sich sucht er den Kantor auf und nötigt diesen, seinen Sohn, den er als Verführer anprangert, kurz vor dem Abitur von der Schule zu nehmen, alle weiteren Kontakte werden unterbunden. Friedeward beginnt in Jena Philosophie zu studieren, kann aber in Leipzig zur Germanistik wechseln, wo er wieder auf Wolfgang trifft. Sie freunden sich mit Jacqueline und deren älterer Freundin Herlinde an. Ihr Liebesverhältnis, darüber hinaus überhaupt Friedewards Homosexualität, soll nun für immer gesichert und abgeschottet sein. Jacqueline gibt nach anfänglichem Zögern vor, Friedewards Verlobte zu sein, lebt mit ihm in gemeinsamer Wohnung, die bei Bedarf mit geschlossenen Verbindungstüren für jeden persönliche Intimsphäre bietet. Für Pius Ringeling ist der Sohn nun verlobt, schließlich gar verheiratet und die Täuschung vollkommen. Wolfgang aber entfernt sich schließlich aus diesem Arrangement nicht nur staatlich missgönnter Liebe. Ihn lockt es, bei Epping, Koryphäe in West-Berlin, Musik zu studieren. 1957 wird in der DDR die Homosexualität nicht mehr strafrechtlich verfolgt, allerdings im gesellschaftlichen Umfeld kaum akzeptiert und würde das Ende der Karriere an der mittlerweile nach Karl Marx benannten Universität bedeuten. Wolfgang Zerrnick wird im katholischen Stift in West-Berlin der homosexuellen Praxis überführt. Als er eine Nacht mit einem jungen Mann in seinem Zimmer verbringt, stellt ihn ein katholischer Sicherheitsdienst.

Stilistisch bewegt sich der Roman über lange Zeit im kargen Duktus der Nachkriegsliteratur, es wird pedantisch wiedergegeben und immer im selben Tempo erzählt, als wenn Christoph Hein, hier den oftmals spröden Stil karikiert, was ermüdet und besonders verärgert, weil wir uns seiner als eines guten Erzählers erinnern, der es sicher besser gekonnt hätte. Erst mit der Erwähnung Leipzigs und besonders, als Hans Mayer eingeführt wird, kommt Farbe in diesen Roman. Der Charme dieses Professors, den die Studenten Goethe-höchstselbst nennen, wirkt belebend auf die Handlung des Romans. Friedewards Kenntnisse beeindrucken diesen, wie auch sein Engagement im Studententheater, das Julius Cäsar aufführt. Vom Ausbau der Moritzbastei wird erzählt, wir besuchen auch das Café Corso und den Coffe Baum, hier erzählt der Autor lebendiger, vermutlich unter Reflexion seiner eigenen Studentenzeit.

Die Ästhetik der Fortsetzungsschreiber

Friedeward vernachlässigt bei allen gesellschaftlichen Aktivitäten keineswegs sein Studium, wird Assistent und promoviert über das Thema „Der Zeitungsroman – die Ästhetik der Fortsetzungsschreiber des 19. Jahrhunderts“. Ausgerechnet der Tod des Vaters nimmt Friedeward vor den darauffolgenden Flügelkämpfen und ideologischen Abrechnungen aus der Schusslinie. Er wird von seiner fachlichen Eignung, vom intellektuellen Format und auch in der Praxis Mayers nicht unwürdiger Nachfolger. Auch Auslandsreisen in das kapitalistische Ausland, die damals nicht selbstverständlich waren, werden ihm genehmigt: So trifft er sich mit Hans Mayer in Wien, der ihm in Freundschaft zugetan bleibt. Er, der den DDR-Oberen als Staatsfeind gilt, rät Friedeward zu, in der DDR zu bleiben. Vor dieser Reise hatte ihn ein gewisser Dr. Morschke aufgesucht, es gibt Schwierigkeiten mit der Genehmigung, erpresserisch bittet er ihn um einen Bericht über Kontakte und Eindrücke. Friedeward, dem viel an der Reise liegt, willigt zunächst ein, legt aber statt des Berichts die Abschrift des offiziellen Programms vor. Bei den Überprüfungen nach der Wende kommt auch dieses Schriftstück an die Öffentlichkeit, er muss fürchten, dass seine sexuellen Neigungen bekannt werden.

Was uns als Kleinigkeit erscheinen könnte – Jacqueline und Herlinde machen ihr Verhältnis am Ende der Erzählung öffentlich – gilt ihm als schwere Bedrohung. Geheimhaltung und Täuschung sind, in einer Art Reaktion auf die scheinheilige Moral seiner Umgebung, zu Friedewards Schutzmechanismus geworden, er sieht keinen Ausweg, macht sein Testament und wählt den Freitod. Soweit Verwirrnis in Kürze, vieles thematisch nur touchiert und nicht alles verraten. Denn, bei aller Kritik am Erzählstil, sei dennoch die Lektüre dieses Romans empfohlen.

Christoph Hein: Verwirrnis

Suhrkamp

Berlin 2018

303 Seiten, 22 €


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