Bettina Kremberg | Drucken10.03.2020 

Die Wiederverzauberung der Welt durch die Rettung der Dinge

Es ist das Anliegen von Dirk Quadfliegs neuestem Buch Vom Geist der Sache. Zur Kritik der Verdinglichung (Campus-Verlag), die „sozialintegrative Kraft von Dingen“ aufzuzeigen. Der am Leipziger Institut für Kulturphilosophie lehrende Philosoph und Soziologe will den Leserinnen und Lesern vor Augen führen, dass sie in ihrem alltäglichen Umgang miteinander einer vermittelnden Instanz der Dinge bedürfen. – Doch was heißt das?

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Quadflieg spürt einem Desiderat der Kritischen Theorie auf. Dinge mitsamt ihrer Dinglichkeit werden in dieser Theorie-Tradition mit Blick auf das entfremdende Bezugsmoment allzu oft kritisiert und verteufelt. Quadflieg hingegen will gerade die positive Bedeutung der Dinge, die verlorengeht, retten. Für ihn behalten die Dinge auch nach der Entzauberung der Welt durch ihre Einpflanzung in dominant wirtschaftliche Zusammenhänge ihre geistige Bedeutung. Sie sind sozusagen der Kitt, der die Menschen in Gemeinschaften und Gesellschaften zusammenschweißt. Und – mehr noch: Selbst wenn wir wollten, könnten wir ihnen laut Quadflieg auch um den Preis unserer sozialen Freiheit nicht entraten.

Der Autor versteht seine phänomenologische Studie somit als einen Beitrag zur Wiederbelebung eines in der Kritischen Theorie verlorengegangenen Motivs. Es verwundert daher nicht, dass er sich im Buch über weite Strecken mit eben diesen Theorieangeboten und vor allem Fehlentwicklungen dieser philosophischen Richtung dezidiert und umfänglich auseinandersetzt. Quadflieg spielt hierzu vorbildlich auf der Klaviatur der Entfremdungstheorien von Georg Lukác, Karl Marx, Max Weber, Max Horkheimer/Theodor W. Adorno über Jürgen Habermas bis zu Axel Honneth. Letzterer schrieb auch ein lobendes Vorwort zum Buch, obwohl auch dessen Ansatz nicht verschont bleibt.

Insofern passt das Buch hervorragend in die Schriftenreihe der Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie. Denn in Anlehnung an die Schriftenreihe, die 1955 von Theodor W. Adorno und Walter Dirks gegründet und im Jahr 1971 eingestellt wurde, schlägt das Frankfurter Institut für Sozialforschung mit dem Buch von Quadflieg ein neues Kapitel in der eigenen Geschichte auf: Es legt nicht nur neue sozialempirische Forschungsergebnisse vor, sondern reflektiert auch auf die philosophische Begriffsbildung.

Besonders interessant sind dabei die Anleihen bei dem Gabentausch-Theoretiker und Soziologen Marcel Mauss, den Quadflieg mit Hegels Aneignungstheorie vergleicht. Diese beiden Autoren waren auch die Referenzpunkte von Quadfliegs Habilitationsschrift aus dem Jahre 2014. Aber während sich bei Hegel das Ich respektive Selbst zum Ding machen muss für die gesellschaftliche Aneignung und das Ding nicht starr ist, sondern in einem gesellschaftlichen Prozess geworden ist und als solches auch im gesellschaftlichen Austausch kreiert wird – etwa im Verhältnis zum Staat und seinen Institutionen –, bildet die Gabentausch-Theorie von Marcel Mauss den Fluchtpunkt des Buches. Im Sich-selbst-Geben im Austausch von Gaben zeigt sich für diesen immer zugleich eine Verpflichtung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft, dem Allgemeinen, mit dem zugleich eine Negierung in Form einer Unterordnung und Eingliederung des Einzelnen in die Gemeinschaft einhergeht.

Um dies zu bestätigen, erinnert Dirk Quadflieg an die gängigen kulturanthropologischen Modelle des Gabentauschs vom Kula über den Gimwali oder den Potlatch, um zu zeigen, wie die Ausweitung der Begriffe Wert und Geld auf die kostbaren Dinge des Gabentauschs eine Verengung in der modernen Vorstellung von ökonomischen Tauschprozessen darstellt. Man gibt im Gabentausch nämlich nicht, was man hat, sondern man gibt, was/wer man ist. Und das bedeutet, dass man im Grunde nichts verlieren, sondern nur gewinnen kann. Denn mit jedem Tausch steigt das Ansehen des Dings und der mit ihr verbundenen Person, etwa vergleichbar mit einer langen Tradition von Würdenträgern.

Somit führen die Dinge des Gabentausches in gewisser Weise ein Eigenleben. Sie übertragen eine Persönlichkeit und führen in den jeweiligen Gemeinschaften nicht selten einen Eigennamen, den der Empfänger annimmt, wie Quadflieg richtig schreibt. Damit kehrt sich für den Autor das Eigentumsverhältnis um: Statt frei über die Gaben zu verfügen, wird der Empfänger durch den Gabentausch eher enteignet. Er trägt zwar ihren Namen, steht aber zugleich in ihrer Pflicht und unter dem allgemeinen Zwang der Rückgabe. Der Zwang, den das Gabensystem ausübt, stellt jedoch wiederum keine Einschränkung der individuellen Freiheit dar, denn vor oder außerhalb der durch Gaben konstituierenden Ordnung gibt es kein Subjekt, das Träger einer vermeintlich unbegrenzten Freiheit sein könnte. Vielmehr gibt es ein Selbst – und da treffen sich Hegel und Mauss – nur innerhalb einer Gemeinschaft und durch derartige Austauschprozesse, in denen Dinge keinen Selbstzweck erfüllen, sondern Mittel zum Zweck des Erhalts oder der Entwicklung von Gemeinschaftlichkeit sind.

Damit überführt Quadflieg die Gabe – ganz im Sinne altehrwürdiger Kultursymboltheorien – in ein drittes, ein mittleres Reich, das zwischen den Gebenden und Empfangenden vermittelt und zwischen ihnen als Instanz des Allgemeinen entsteht. Für Quadflieg zeichnet sich demzufolge im Gabentausch eine Möglichkeit ab, wie sich ein Vorrang des Objekts mit Hilfe einer verdinglichenden Tauschfigur alternativ denken lässt. Demgegenüber privilegieren Marx und die modernen Aneignungs- und Entfremdungstheorien leider den Begriff der Arbeit vor dem der Gabe derart, dass die Vermittlung der Dinge durch Tausch in den Hintergrund gedrängt wird und machen in ihm sogar den Grund für die Entfremdung von den Dingen – also auch von den Institutionen – aus. Der Tausch kann – so das Ziel von Quadfliegs Ausführungen – aber genauso gut das Gegenteil von Entfremdung sein, nämlich das magische Band, das die Individuen aneinander bindet und symbolisch Dinge und Institutionen hervorbringt, die soziale und individuelle Freiheit erst ermöglichen.

Diese Dialektik der Verdinglichung versucht der Autor – leider viel zu kurz – mit Benjamins Begriff der Aura am Ende seines Buches zu verdeutlichen. Denn ohne vermittelnde Instanz der Dinge und Institutionen als kontingente Bezugsrahmen entstehen keine Regeln des Zusammenlebens und des Austausches, die einen freien Verkehr von Individuen oder Waren garantieren. Ob dieser Versuch der Wiederverzauberung der Welt durch die Rettung der Dingbezüge jedem verständlich wird, ist fraglich, denn Quadflieg bleibt mit seinem Buch allzu sehr im akademischen Diskurs. Man wünschte sich mehr Beispiele als Belege für sein alternatives und kritisches Theorieangebot und weniger Belege dafür, dass sich der Autor im Entfremdungsdiskurs auskennt.

Dirk Quadflieg: Vom Geist der Dinge. Zur Kritik der Verdinglichung

Campus-Verlag

Frankfurt/New York 2019

403 Seiten, 34,95 Euro


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