Tobias Prüwer | Drucken31.08.2010 

Vor und inmitten der Seiltänzergeneration

Wende, Zusammenbruch, Revolution? Ein vielstimmiger Sammelband diskutiert die politischen Umbrüche in Osteuropa

Worin besteht genau der Unterschied des einen Jahrhunderts vom anderen? Ist es der Unterschied zwischen einer vergangenen Welt – als das Gespenst noch eine zukünftige Drohung darstellte – und einer gegenwärtigen Welt, heute, wo das Gespenst eine Drohung darstellt, von der manche gern glauben möchten, daß sie vergangen sei, und deren Rückkehr man immer noch, immer noch in der Zukunft, bannen müßte? ... Gibt es eine Gegenwart des Gespensts?
Jacques Derrida: Marx’ Gespenster

Für Karl Marx war die Revolution der Motor, korrekter: die Lokomotive, der Geschichte. Der Libertäre Gustav Landauer brachte sie auf folgende Formel: Die Revolution sei der Weg von „einer relativen Stabilität über Chaos und Aufruhr, Individualismus (Heroismus und Bestialität, Einsamkeit des Großen und armselige Verlassenheit des Massenatoms) zu einer anderen relativen Stabilität.“ Wie aber formt sich solcher Aufruhr, finden die revolutionären Massen zusammen und tropft das Utopische in den Wirklichkeitsraum? Ist der Revolutionsbegriff im Allgemeinen so leicht anwendbar wie es in den Alltagsdiskursen geschieht? Und taugt diese Zuschreibung für die Veränderungen in den mittel- und osteuropäischen Ländern, die man mit der Jahreszahl 1989 assoziiert? Der Sammelband Revolution! Revolution? widmet sich der Innenperspektive, diskutiert den Begriff an sich und gleicht die Geschehnisse in den einzelnen Ländern mit dem Revolutionskonzept ab.

Dabei wird ersichtlich, dass der Begriff immer eine spätere Etikettierung ist: Wer sich gegenwärtig für eine politische Revolution ausspricht, kann schon mal den Kaffee für den Besuch vom Verfassungsschutz aufsetzen. Die „friedliche Revolution“, die den Mauerabbau und das Ende des Eisernen Vorhangs herbeigeführt habe, ist ein ganz und gar nicht unproblematischer Begriff. Auch wenn niemand an den Menschenmassen zweifelt, die damals – nicht immer gewaltfrei – auf den Straßen waren, so ist wissenschaftlich nicht eindeutig, ob die Ereignisse als Revolutionen zu fassen sind. So ist im Bändchen zumeist von Wende oder Zusammenbruch die Rede, weil sich revolutionäre Subjekte im engen Sinn als bewusst eine Umwälzung herbeiführende politische Bewegung nicht finden lassen: „Aus heutiger Sicht scheint die Hauptmotivation dieser ‚Revolutionen’ in der Konsolidierung der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse nach dem Muster der westeuropäischen Demokratien zu liegen, wobei auf kritische Auseinandersetzung mit dem dort bestehenden System verzichtet wurde.“

Die neben den wissenschaftlichen Beiträgen enthaltenen persönlichen Berichte und essayistischen Texte tragen nicht direkt zur Begriffsarbeit bei, verdeutlichen aber anschaulich die Schwierigkeiten, das Vielerlei von Akteuren unter einem Label zusammenzufassen, sowie die disparaten Perspektiven zwischen den auf Makroebene vollzogenen Untersuchungen und der Ebene der Individuen und kleiner Kollektive. Hervorzuheben ist hier ein Versuch über die „Seiltänzergeneration“, jene heute 30-35-Jährigen, die die Wenden noch als Kinder, aber schon bewusst erlebten: „Wir stehen wieder vor einer Herausforderung, die härter ist als die Freiheitsprobe – entweder verschwinden wir [...] oder wir hinterlassen eine Spur in der Geschichte. Ich glaube, dass wir uns doch zu Letzterem entschlossen haben.“

Maxim Gatskow & Tanja Wagensohn (Hg.):

Revolution! Revolution? Farbe, Erinnerung, Theorie nach 1989

Parodos

Berlin 2009

198 S., 18 €

www.parodos.de

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