Fabian Stiepert | Drucken30.04.2012 

Sehnsuchtslandschaften

Walter Kappachers neuer Roman „Land der roten Steine“ erzählt formvollendet von der Lebenskrise eines Arztes

Walter Kappacher ist ein Paradebeispiel dessen, was gemeinhin als „writer’s writer“ bezeichnet wird. Von Kollegen wie Martin Walser oder Peter Handke hoch geschätzt, bleibt Kappacher bisher unverdienterweise der große Publikumserfolg nicht vergönnt, trotz der Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis vor drei Jahren. Dabei sind es genau die ruhigen, entschleunigten Bücher dieses Autors, die unsere heutige Zeit so dringend braucht.

Land der roten Steine überzeugt nicht nur in seiner ruhigen Erzählweise, es ist auch die gelungene Komposition des Romans in Form eines Tryptichons. Die Dreiteilung des Romans, bestehend aus „Vita nuova“, „De vita beata“ und „La vita breve“ liefert intertextuelle Bezugspunkte zu Dante, Seneca und Manuel de Falla. Darüber hinaus erweist sich dieses Erzählkonzept als vielschichtige Herangehensweise an den Text und seine Fragestellungen.

Im ersten Teil lernen wir Wessely kennen, der nach vielen Jahren beschließt, als Arzt im Salzburger Land endlich in den Ruhestand zu gehen. Immerhin will er auch mal wieder verreisen und endlich all die Bücher lesen, die sich nahezu unberührt in seinen Regalen stapeln. Die unerwartete Post einer ehemaligen Liebschaft wird zum Stein des Anstoßes. Wessely recherchiert und beliest sich, um eine Reise ins Canyonland der USA zu unternehmen. Was er dort genau sucht, weiß er auch nicht. Die Hoffnung auf Erkenntnis wird ihn begleiten.

Dann horcht man als Leser auf im zweiten Teil. Ein Wechsel zum Ich-Erzähler findet statt und die distanzierte Erzählerstimme des ersten Teils wird von Wessely selbst abgelöst. Die Reise durch die Canyons ist für Wessely und seinen Guide doch beschwerlicher als ursprünglich gedacht. Sie verlieren sich, die Nahrung wird knapp und Reiserouten müssen immer wieder geändert werden. Trotzdem kommt Wessely zu einer Einsicht: „Vielleicht wäre es eine gute Prüfung festzustellen, ob ich endlich gelernt habe, mich selber wieder auszuhalten“. Der zweite und längste Teil des Buches erinnert im besten Sinne an die Filme von Wim Wenders, so meisterhaft wird die Landschaft zur Sehnsuchtsmetapher stilisiert.

Auf einmal ist man im dritten Teil dann wieder in der Salzburgischen Provinz. Wessely ist wieder dort angekommen, geistig aber immer noch im „Land of standing rocks“. Schließlich gab es niemanden, der wirklich auf ihn gewartet hätte, darum ist das Wiederankommen so schwierig. In seiner Einsamkeit erkennt Wessely, dass diese Reise ihn nicht so schnell, vielleicht niemals wieder loslassen wird.

Land der roten Steine ist ein kleines, inhaltlich aber umso größeres Buch, welches in kontemplativer Lektüre seinen ganzen Reiz entfaltet und einen weiteren Beweis dafür liefert, dass für große Literatur gar nicht viel Handlung notwendig ist. Beim Lesen dieses Buches ist es wie beim Betrachten einer Landschaft. Erst, wenn man genau hinsieht und sich Zeit nimmt, dann wird das Gute, Wahre, Schöne in Gänze sichtbar.

Walter Kappacher: Land der roten Steine

Hanser

München 2012

160 S. – 17,90 Euro


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