Fabian Stiepert | Drucken04.06.2013 

Das Drama des unerwünschten Kindes

Jeanette Wintersons „Warum glücklich statt einfach nur normal?“ ist ein autobiographischer Geniestreich

Wenn man es so nennen möchte, ist es das Privileg von Adoptiveltern, sich ihr Kind aussuchen zu können. Die britische Schriftstellerin Jeanette Winterson wurde einst adoptiert, allerdings ging ihre Adoptivmutter bis zu ihrem Tod im Jahr 1990 davon aus, zu Anfang der 1960er Jahre vor dem falschen Bettchen gestanden zu haben. Wahre Mutterliebe sieht weiß Gott anders aus.

Das Verhältnis zwischen Wintersons Adoptiveltern war stets frostig; ihr Adoptivvater heiratete später ein zweites Mal und wirkte in der neuen Ehe um einiges glücklicher. Die streng gläubige Adoptivmutter, die in Wintersons autobiographischem Warum glücklich statt einfach nur normal? h meistens nur Mrs. Winterson genannt wird, verweigert jedwede Körperlichkeit. Sobald Jeanette darüber Bescheid wusste, dass zu wahrer Liebe auch Körperkontakt gehört, fragte sie sich ernsthaft, ob Mr.und Mrs. Winterson wirklich nur biologisch nicht dazu in der Lage waren, ein Kind auf die Welt zu bringen, oder ob es wirklich eher daran lag, dass Sexualität im Kosmos der Mutter als Teufelswerk verschrien war.

Wie Jeanette Winterson aus diesem Korsett aus Anschuldigungen und religiösem Fanatismus entfliehen konnte, davon erzählt das Buch, das weit mehr bildet als das Bonusmaterial zu ihrem ebenfalls autobiographischen Debüt Orangen sind nicht die einzige Frucht, das sie 1985 mit Mitte 20 veröffentlichte und prompt zu einem Bestseller und fürs Fernsehen adaptiert ein Straßenfeger wurde. Neben der mitreißenden Biographie der Autorin bietet es aber auch eine Milieustudie Englands zu Zeiten, als Margaret Thatcher die politische Bühne betrat und das Gesellschaftsleben noch von einer narrativen Kultur fernab medial-visueller Reizüberflutung geprägt war. Winterson gemahnt daran, dass wir durch das Internet Orte verlieren, an denen noch echte non-digitale Kommunikation betrieben wird, abseits des heute gängigen Shitstorms, der von vielen für eine Ausdrucksform der Demokratie gehalten wird. Ohne Marktplätze und Bibliotheken –soviel steht fest! – hätte Winterson keinen Ausweg aus ihrem Dilemma gefunden.

Freiheit und Glück in dunklen Stunden verspricht aber eben nun einmal die Literatur und wer sich wie Jeanette Winterson auf sie einlässt, dem wird dieses Versprechen auch erfüllt. Also las Winterson die gesamte Stadtbibliothek von A bis Z und glücklicherweise begann das Verzeichnis englischer Autoren dort bei A wie Austen. Die sich weiter ausprägende Bibliophilie ging soweit, dass sich Winterson eigene Bücher kaufte und unter ihrem Bett versteckt hielt. Irgendwann war die Sammlung so groß, dass sich die Matratze soweit anhob und Mrs. Winterson die Bücher aus dem Fenster schmiss, teilweise sogar verbrannte. Dass in ihrem Haus etwas anderes als die Bibel gelesen werden sollte, konnte die drakonische Mutter nicht akzeptieren, denn: „Das Problem mit einem Buch ist, dass man nie weiß, was drin steht.“

Nachdem Winterson mit 16 Jahren von Zuhause flüchtete und sich ihren Weg durch den Lebensdschungel aus Studium und Beziehungen schlug, setzte in der Lebensmitte die große Krise ein. Konstante, depressive Erschöpfungszustände und die quälende Frage nach dem „Woher komme ich?“ führten zu einem versuchten Suizid, an den sich die Suche nach den eigenen Wurzeln anschloss. Der Moment, in dem Winterson auf ihre eigene Mutter trifft, rührt zu Tränen, weil er ein Gefühl der Erlösung so zu vermitteln vermag, dass die Erleichterung sich zugleich auf den Leser überträgt. War man doch nur wenige Seiten davor froh, den abrupten Auszug von Zuhause und das Coming-Out der Autorin gemeinsam mit ihr heil überstanden zu haben.

Es ist ein ganz und gar ergreifendes, humorvolles und Trost spendendes Buch, das Jeanette Winterson da geschrieben hat. Selten hat sich jemand in der Literatur so furchtlos selbst inspiziert und zugleich ist es verwunderlich, wie dieser sehr ernste Stoff zu einem größtenteils hochkomischen Buch geworden ist. Das erstaunt umso mehr, wenn man bedenkt, in welcher Lust- und Spaßfeindlichkeit die Autorin aufgewachsen ist. Warum glücklich statt einfach nur normal? ist ein Meisterwerk über die Liebe, das Leben und das Mysterium der Identität. Man kann nur hoffen, dass dieses Buch auch in Deutschland jede Menge empathische Leser finden wird.

Jeanette Winterson: Warum glücklich statt einfach nur normal?

Hanser Verlag

Berlin 2013

256 Seiten – 18,90 Euro


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