Benedikt Franke | Drucken22.10.2014 

Landstraßen

Bild: Benedikt Franke

Er sprach von einer langen Landstraße, die wir jeden Tag entlang fahren würden. Wir sitzen allein in unseren Autos und fahren die ganze Zeit geradeaus. Wann oder wo wir losgefahren sind, wissen wir nicht mehr – denn es liegt nun schon eine beachtliche Strecke hinter uns, und es würde sich jetzt kaum noch lohnen, zurückzufahren, nur um nachzusehen. Vielleicht würden wir gar nichts finden. Vermutlich haben wir es nur vergessen.

Wie lange es noch dauert und wo wir eigentlich hinfahren, wissen wir auch nicht. Wahrscheinlich klärt sich alles auf, wenn wir angekommen sind. Es gibt ja hier nur eine Straße – und es gehen keine Wege ab. Wie soll man sich da verirren? Auf einmal ist der Tank leer … Ich halte am Straßenrand und steige aus. Die nächste Tankstelle ist meilenweit entfernt. Das geht uns irgendwann allen so.

Immer wieder bin ich an Autos vorbeigefahren, die am Straßenrand liegengeblieben sind. Zuerst habe ich mich noch gewundert, jetzt aber weiß ich, warum. Unaufhörlich fahren Autos an mir vorbei: große und kleine, Luxusschlitten und Rostlauben. Ich kann nur dastehen und hoffen, dass mich jemand mitnimmt. Wenn ich nach vorne oder zurück schaue, sehe ich, wie sich bis an den Horizont lauter kleine Autos abzeichnen, die ebenfalls liegen geblieben sind.

Denen ist auch das Benzin ausgegangen. Oder irgendein Motorschaden, wer weiß. Er sagt, es sei eben unser Schicksal, auf der Straße zu fahren, bis wir irgendwann stehen bleiben. Dann können wir nur noch hoffen, dass uns jemand mitfahren lässt. Aber das klingt für mich beinahe wie ein mechanischer Vorgang – ich kann mich damit nicht abfinden. – Soll ich mich denn auf die Straße stellen und winken, oder den Daumen heraushalten, bis jemand anhält? Ich komme mir so blöd vor. Woher weiß ich überhaupt, wohin dieser Jemand fahren will, wenn ich nicht einmal selber weiß, wohin es geht?

Er sagt, ich sei auch auf der Straße. Früher oder später würde ich schon noch darauf kommen. Ein andermal hat er zu mir gesagt: „Ich liebe das Leben! – Liebst du es auch?“


 

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