Frank Sindermann | Drucken21.03.2003 

Zwischen Tradition und Aufbruch

Das vierte MDR-Chorkonzert mit englischer Chormusik unter Howard Arman im Gewandhaus

Die Konzertprogramme Howard Armans sind immer originell und stets etwas gewagt konzipiert. Deshalb sind sie nie langweilig zu verfolgen, zugleich aber auch nur selten gut besucht. Leider - denn wenn es irgendwo musikalisches Neuland zu entdecken gibt, dann in diesen Konzerten.

Im ersten Teil gab es zwei Kompositionen für Chor a cappella aus dem 16. Jahrhundert zu hören, einer frühen Blütezeit der englischen Chormusik. Den Werken von Taverner und Tallis schlossen sich dann interessanterweise Fantasien englischer Komponisten des 20. Jahrhunderts an, welche sich auf die historischen Vorbilder direkt beziehen. Damit war es den Zuhörern möglich, Original und Bearbeitung unmittelbar miteinander zu vergleichen.

Die wunderbare Renaissance-Musik von Taverner und Tallis brachte der MDR Chor absolut präzise und überaus stilsicher zum Erklingen. Besonders erfreulich war die gelungene klangliche Staffelung der einzelnen Stimmengruppen, welche meistens in harmonischer Gleichberechtigung musizierten.

Peter Maxwell Davies beginnt seine Fantasie mit einem wohlklingenden Oboensolo. Diesem schließt sich eine feinsinnig instrumentierte Übertragung der musikalischen Vorlage des Chors auf das Orchester an, welche vor allem von den Holzbläsern bestritten wird. Bis zu seinem in völliger Stille verklingenden Schluss durchläuft das Stück eine große Bandbreite an emotionalen Verfassungen. Diese werden durch einen unterschiedlichen Grad an Dissonanz und die Bevorzugung spezifischer Instrumentengruppen klar voneinander abgesetzt. Trotz einiger interessanter Aspekte kann das Werk eine gewisse Sprödigkeit nicht verleugnen. Mehrfaches Hören würde hier wahrscheinlich noch so manchen Eindruck korrigieren, zumal das Orchester an diesem Abend nicht in bester Verfassung gewesen zu sein scheint.

Das Hauptwerk des Abends war Herbert Howells "Hymnus Paradisi", eine beeindruckende Komposition von großer Schönheit und Tiefe. Howells komponierte den Hymnus als Requiem für seinen früh verstorbenen Sohn. In sechs Sätzen von je stark kontrastierendem Klangcharakter wird der Bitte um ewigen Frieden in ergreifender Weise Ausdruck verliehen. Das fängt schon im ruhig anhebenden, sich aber bald zu erster Klage steigernden instrumentalen Einleitungssatz an und setzt sich bis zum atmosphärisch dichten Finalsatz des Chorwerks fort.

Das MDR Sinfonieorchester (in großer Besetzung, ergänzt um Orgel, Klavier, Celesta, Harfen etc.), entfaltete im Lauf der etwa 45-minütigen Komposition eine große Vielfalt an klanglich reizvollen Kombinationen. Der MDR Chor hatte stellenweise leicht mit rhythmischen Komplikationen zu kämpfen, überzeugte sonst aber auf ganzer Linie. Die Solisten boten keine herausragende Leistung, wurden ihren Anforderungen aber durchaus gerecht und konnten sich auch recht gut gegen Chor und Orchester durchsetzen. Lang anhaltender Applaus bewies, dass Armans Konzepte zwar nur verhältnismäßig wenige Menschen erreichen, bei diesen dafür aber auf fruchtbaren Boden fallen.

4. MDR-Chorkonzert mit englischer Chormusik

(Programm s. unten)

Fionnuala McCarthy, Sopran
Michael Hart-Davis, Tenor

MDR Rundfunkchor und Sinfonieorchester
Leitung: Howard Arman

21. März 2003, Gewandhaus, Großer Saal

Detailliertes Programm:

John Taverner: Benedictus aus der Messe "Gloria tibi Trinitas"
Peter Maxwell Davies: First Fantasia on an "In nomine" of John Taverner

Thomas Tallis: Third Mode Melody "When rising from the bed of death"
Ralph Vaughan Williams: Fantasia on a Theme of Thomas Tallis

Herbert Howells: Hymnus Paradisi

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