Frank Sindermann | Drucken09.09.2017 

Ein gelungener Drahtseilakt

Das Gewandhausorchester und Ehrendirigent Herbert Blomstedt eröffnen mit Schumanns heiklem „Konzertstück für vier Hörner und Orchester“ sowie Mendelssohns „Lobgesang“ die 237. Gewandhaussaison

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Herbert Blomstedt dirigiert. (Archivfoto: Martin U.K. Lengemann)

Der Beginn einer neuen Gewandhaussaison nach endlos erscheinender Sommerpause ist an sich schon ein Grund zum Feiern. Am heutigen Abend gibt es jedoch noch zwei weitere: Zum einen feiert das Gewandhausorchester sein 275-jähriges Bestehen (Glückwunsch!), zum anderen wurde Ehrendirigent Herbert Blomstedt, der auch das heutige Konzert leitet, im Juli dieses Jahres 90 Jahre alt, was ich zwar zur Kenntnis nehme, aber angesichts seiner Energie und seines charmanten Auftretens trotzdem kaum glauben kann (Glückwunsch!).

Nach freundlichen Begrüßungen durch die Kulturbürgermeisterin und den Gewandhausdirektor, der noch einmal die Tradition des ältesten bürgerlichen Orchesters der Welt beschwört und bemerkt, nirgends lasse sich so gut Musik hören wie in der „Gewandhaus-Familie“, beginnt das eigentliche Konzert. Und wie es beginnt! Welch ein Selbstbewusstsein spricht aus der Entscheidung, ausgerechnet mit Schumanns heiklem „Konzertstück für vier Hörner und Orchester“ zu beginnen, das von Hornistin Juliane Grepling im Gewandhaus-Podcast nicht zu Unrecht mit einem Drahtseilakt über einer Löwengrube beschrieben wurde. Die tadellose Art und Weise, in der sie und ihre drei Kollegen die extrem anspruchsvollen Partien (1. Horn!) meistern und neben all den technischen Tücken noch zum gemeinsamen Musizieren finden, ist schlicht sensationell. Dass alle Solisten Orchestermitglieder sind, zeigt die individuelle Klasse der Gewandhausmusiker, die selbst eine solistische Herausforderung wie diese mit Bravour meistern. Das Orchester trägt seinen Teil zum gelungenen Auftakt bei; unter Blomstedts inspiriertem und inspirierenden Dirigat geben sonore Streicher, festliche Blechbläser-Fanfaren und wunderbar warme, wie von innen heraus leuchtende Flöten- und Klarinettensoli Grund zur Freude, all das immer in perfekter Harmonie mit dem Solistenquartett, wie es bei dieser sinfonischen Konzert-Fantasie sein soll. Herausragend!

Wie Schumanns Konzertstück wurde auch Mendelssohns „Lobgesang“ in Leipzig uraufgeführt. Nach einer langen Zeit des kollektiven Ignorierens wird diese Sinfonie-Kantate heute wieder recht häufig aufgeführt – zum Glück! Entstanden als Auftragswerk für die Stadt Leipzig im Rahmen der Gutenberg-Feierlichkeiten des Jahres 1840 (400 Jahre Buchdruck), enthält sie alles, was Mendelssohns Musik so großartig macht, vor allem mitreißende Chorsätze. Der von Gregor Meyer hervorragend präparierte Chor begeistert durch hervorragende Textverständlichkeit und großartige Klangkultur, was vor allem im A-cappella-Choral „Nun danket alle Gott“ bewundert werden kann, denn das Orchester deckt ihn sonst manchmal leider etwas zu. Sophia Brommer und Marie Henriette Reinhold werden ihren Partien stimmlich voll gerecht, wirken aber ein wenig zu distanziert. Vielleicht erscheint dies aber auch nur so im Kontrast zu Tilman Lichdi, der die zaghaften Rufe „Hüter, ist die Nacht bald hin?“ mit einer Eindringlichkeit vorträgt, dass es fast an Übertreibung grenzt.

Als der Schlussakkord verhallt ist, bleibt es noch einige Zeit still im Saal. Es ist eine wunderbare kurze lange Zeit, in der Musiker und Publikum wie durch ein inneres Band miteinander verbunden scheinen. So etwas gibt es wohl tatsächlich nur in der Gewandhaus-Familie.

Eröffnungskonzert der 237. Gewandhaussaison

Gewandhausorchester, Herbert Blomstedt Dirigent

GewandhausChor, Bernhard Krug Horn, Jan Wessely Horn, Jochen Pleß Horn, Juliane Grepling Horn, Sophia Brommer Sopran I, Marie Henriette Reinhold Sopran II, Tilman Lichdi Tenor

Robert Schumann — Konzertstück für vier Hörner und Orchester F-Dur op. 86

Felix Mendelssohn Bartholdy — Sinfonie-Kantate „Lobgesang“ op. 52 MWV A 18

Samstag, 2. September 2017, Gewandhaus, Großer Saal


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