Frank Sindermann | Drucken08.04.2018 

In letzter Minute

Dirigent krank, Pianist krank, Programm geändert – Cristian Măcelaru und Martin Helmchen retten im Gewandhaus auf phänomenale Weise den Tag.

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Martin Helmchen rettet den Tag (Foto: Giorgia Bertazzi)

Jeder kennt wohl solche Tage, an denen einfach nichts zu klappen scheint und ein Unglück das nächste jagt. Ähnlich muss sich Gewandhausdirektor Andreas Schulz gefühlt haben, als in dieser Woche zunächst Dirigent Franz Welser-Möst und dann auch noch am Tag des Konzerts Pianist Radu Lupu krankheitsbedingt absagen mussten. Dass so kurzfristig für beide Ersatz gefunden wurde ist an sich schon großes Glück im Unglück; die musikalische Qualität des unter einem solch schlechten Stern stehenden Konzerts ist schlicht sensationell.

Dies beginnt schon bei Brittens „Sea Interludes“, die Măcelaru ungemein klangsinnlich angeht. Von Britten weniger als naturalistische Beschreibung des Meeres denn als psychlogischer Kommentar zum Protagonisten seiner Oper „Peter Grimes“ konzipiert, evozieren die vier kurzen Sätze unter Măcelarus Dirigat immer wieder Bilder der See, vom lebendigen Spiel der Wellen bis zum brausenden Sturm. Dabei klingt alles immer wunderbar lebendig und fließend. Selbst wenn die Bewegung im Mondenschein fast zum Stillstand kommt, bleibt der musikalische Spannungsbogen immer hörbar. Großartig!

Beethovens 1. Klavierkonzert atmet noch eindeutig den Geist Mozarts und genauso spielen ihn Martin Helmchen und das Gewandhausorchester. Ohne überzogenen Ausdruckswillen, sondern stilvoll und in bestem Sinne klassisch interpretiert Helmchen den Klavierpart und ist ihm damit ein besserer Anwalt als jeder virtuos auftrumpfende Selbstdarsteller es sein könnte. Fast ohne Blickkontakt verstehen sich Helmchen und Măcelaru bestens und erweisen sich als kongeniale Partner, die zwar in diesem Konzert zufällig aufeinandertreffen, aber musikalisch offenbar auf einer Wellenlänge sind. Das Orchester beweist trotz modernen Instrumentariums, dass die Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis ihm keineswegs fremd sind und erfreut mit wunderbar warmem Streicherklang und Klarinetten zum Dahinschmelzen. Besser geht es nicht, auch nicht bei günstigeren Rahmenbedingungen. Dass Helmchen als Zugabe Schumanns „Vogel als Prophet“ aus den „Waldszenen“ op. 82 gibt, passt ins Bild dieses vornehm zurückhaltenden Pianisten, der eher mit Poesie als Tastendonner für sich einnimmt.

Mit Rachmaninoffs 3. Sinfonie werde ich nicht warm, so oft ich sie auch höre. Auch heute überzeugt mich dieses späte Werk aus dem amerikanischen Exil nicht. An Măcelaru oder dem Gewandhausorchester liegt es ganz sicher nicht: Da schwelgt alles in Klang, wunderbare Soli lassen aufhorchen, mitunter überrascht Rachmaninoff mit (für ihn) ungewöhnlichen Effekten – und doch bleibt das alles ohne Ziel, wirken viele Passagen wie aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. Dies ändert indes nichts an der hervorragenden Leistung des Orchesters, das an allen Pulten überzeugt und das kurzfristig angesetzte Werk souverän meistert. Die ursprünglich angesetzte Prokofjew-Sinfonie hätte ich lieber gehört, aber das ist Geschmackssache. Alles in allem beweist das Konzert, dass eine Zweitbesetzung keineswegs künstlerisch zweite Wahl sein muss, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Gewandhausorchester

Martin Helmchen, Klavier

Cristian Măcelaru, Dirigent

Benjamin Britten – Four Sea Interludes op. 33A aus der Oper „Peter Grimes“

Ludwig van Beethoven – 1. Konzert für Klavier und Orchester C-Dur op. 15

Sergej Rachmaninoff – 3. Sinfonie a-Moll op. 44

Donnerstag, 5. April 2018, Gewandhaus, Großer Saal


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