Michael Fürch | Drucken06.05.2018 

Party like it’s 1999

Die Isländer Band GusGus verwandelt das UT Connewitz in einen tobenden Club

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GusGus im UT Connewitz (Foto: M. Fürch)

Wer vor Mitternacht zum Feiern in den Club geht, zählt gewöhnlich zu den Verlierern. Diejenigen aber, die Tickets für das GusGus-Konzert am 4. Mai 2018 im UT Connewitz ergattern konnten, waren schon ab 21 Uhr klar auf der Gewinnerseite. Mehr als 20 Jahre zählen die Isländer nun schon neben Künstlern wie Underworld zu den prägenden Kräften der progressiven elektronischen Musik. Erwartungsgemäß verwandelten sie den ehrwürdigen Kinosaal für mehr als zwei Stunden in eine brodelnde Rave-Location. Die Jungs aus dem eisigen Norden haben das Einheizen halt immer noch drauf – trotz ihres Alters kurz vor der Fünfzig.
Sie präsentierten neben bekannten älteren Titeln wie »Over« und »Crossfade« hauptsächlich Stücke ihres neuen und inzwischen zehnten Albums »Lies Are More Flexible«. Es erschien Ende Februar auf dem Label No Paper Records und liegt genremäßig irgendwo zwischen 80er-Jahre-Italo-Dance, Synth-Pop, Deep Techno und Progressive House. Der Sound der legendären TB-303 pumpt hier pluckernd vor sich hin, massig unterfüttert von treibenden Stepsequencer-Patterns, darüber noch eine fette Breitseite Sägezahn-Pads – da steht kein Bein lange still. Das titelgebende, rein instrumentale Stück ist ein gutes Beispiel für diese unwiderstehliche Machart, ebenso der Closer des Albums »Fuel«.
Die Musik von GusGus ist im ersten Moment nicht so leicht vom Uffz-Uffz-Gewummer aus einem tiefergelegten Kleinwagen mit Carbonfelgen und Drei-Buchstaben-Kennzeichen zu unterscheiden – billiger Vorstadt-Techno, könnte man meinen. Wäre da nicht der hypnotische Gesang von Daníel Ágúst, der den überlangen Tracks ein gänsehäutiges Soul-Feeling einhaucht, der in der Ferne verhallt und das Kopfkino anwirft. Bei den ultimativen Floor-Stormern »Featherlight«, »Don’t Know How To Love» und »Lifetime« war das eindrücklich zu erleben. Biggi Veira, der Mann im kimonoartigen Überwurf   hinter den Reglern, war und bleibt jedoch der eigentliche Master Of Ceremonies. Wie der Flötenmann aus Hameln zog er das Publikum mit. Wenn er den Cutoff-Filter langsam öffnete und so den Euphoria-Regler zum Höhepunkt trieb, folgte ihm die tobende Masse im UT Connewitz blind und quittierte dies mit Jubelschreien und dem obligatorischen all-hands-up-in-the-air.

GusGus, gestartet als Film- und Künstlerkollektiv Anfang der 90er-Jahre, besteht inzwischen nur noch aus den beiden Ursprungsmitgliedern Veira und Ágúst. Ihre Musik zwar stets ein Wandeln zwischen musikalischen Stilen. Offenbar haben sie sich wieder verstärkt auf ihre Wurzeln besonnen. Man könnte das Ergebnis als Gebrauchs- beziehungsweise Funktionsmusik bezeichnen, ja – dies allerdings bester Güte. Dessen Aufgabe: Die sogenannte Vernunft für eine gewisse Zeit einfach mal auszuschalten, das Herz weit aufzumachen und sich dem elektrisierenden Rhythmus anzuvertrauen.

Der Gig im UT Connewitz erinnerte oft an die besseren Zeiten von Mayday und Love-Parade, also Zeiten vor der Jahrtausendwende, als diese noch nicht zur karnevalesken Massenveranstaltung mutiert waren. “Peace, Love and Unity” hieß das Motto und wurde lustvoll gelebt. Damals, in den Neunzigern, war plötzlich wieder alles offen und einiges schien möglich. Vielleicht wollen uns die Männer aus dem Eisland daran erinnern: Dass es immer Alternativen gibt. Wer weiß! Zumindest schmückte die Gesichter der Besucher ein glückliches Lächeln, als sie in der lauen Nacht auf der Wolfgang-Heinze-Straße eine Post-Konzert-Zigarette rauchten.

Die Karten waren schnell ausverkauft gewesen. Aber GusGus kommen wieder nach Leipzig. Am 10. Oktober 2018 werden sie dann wohl das Werk 2 in einen dampfenden, stampfenden Club verwandeln.

GusGus-Konzert

4. Mai 2018, UT-Connewitz
Vorschau: Konzert am 10. Oktober 2018 im Werk 2

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