Gasan Gusejnov | Drucken14.07.2011 

Auf dem Grund des Aquariums

Wenn bei Hof Klang ein Gebäude zum Instrument wird, drängt sich Wassermetaphorik auf

Der blaue Innenhof des Selter-Hauses (alle Fotos: Steffen Junghans)

Jedes Gebäude entwickelt einmal Funktionen, die sein Schöpfer möglicherweise nicht vermuten konnte. Nehmen wir als Beispiel das wunderbare Selter-Haus in der Nikolaistraße 47 in Leipzig. Ein Haus aus der Gründerzeit wie dieses erhält seine Bedeutung vor allem durch die Fassade und die Empfangsräume. Der Hof dagegen erfüllt nur eine Gebrauchsfunktion als Lichtbrunnen. Klingen tut ein solcher Hof eigentlich nur, um es mit den Worten von Vladislav Chodassevitsch, eines russischen Dichters und Emigranten der 1920er Jahre auszudrücken, wenn sich Stimmen, Schreie, Geräusche von verstimmten Klavieren und eiligen Schritten in ihm vermischen. Bei der Rekonstruktion des Hauses Anfang des 21. Jahrhunderts erkannte man neue Möglichkeiten für den Hof: Mit schönen bläulichen Ornamenten befliest, konnte dieses enge tiefe Aquarium, einmal mit Zuhörern gefüllt und mit vier Balkonen versehen, zum Inneren eines Musikinstrumentes werden.

Die Streicher

Darf man einem solchen Haus eine fremde Erinnerung aufzwingen und hier sommerliche Unterhaltungsmusik spielen? Hier würde sie sich doch eher als Parodie anhören: Die großen, den Hof umgebenden Bürofenster würden sofort als Gitter erscheinen; der von allen Seiten eingeschlossene und nur nach oben, zum Himmel geöffnete Raum würde diesen Kontrast überhaupt unterträglich machen. Es ist daher leicht nachzuvollziehen, warum die Architekten ihr Instrument nur der modernen Musik zugänglich machten – vom analytischen Minimalismus von Arvo Pärt (Fratres in der wunderbaren Ausführung eines Streichquartetts) bis zum grandiosen Bass-Solo von Peteris Vasks in der virtuosen Ausführung von Tobias Lampelzammer. Wie in Vasks' anderen Kompositionen wird das Publikum durch die Geschichte der Musik des 20. Jahrhunderts begleitet, und dieser Spaziergang durch die Ruinen zwingt den Zuhörer, mit dem Blick nach oben zu klettern, dann wieder herabzustürzen, um in den letzten Klängen die den Bass begleitende rettende Stimme zu hören, die buchstäblich vom Balkon herabsteigt. Mezzosopran Claudia Herr fliegt vom Balkon aus der dritten Etage auf den Grund des Aquariums zu den anderen Musikern herab.

In den ersten Jahren des Hof Klang-Festivals war der Hof nicht vom Wetter geschützt, aber diese kleine Alltagsunbequemlichkeit konnte durch die Philosophie der Neuen Musik kompensiert werden. 2011 wurde der Hof mit einem gläsernen Dach versehen. Jetzt muss das Wasser aus der Musik heraus erscheinen. DJ und elektronische Kompositrix CFM (aka Cornelia Friederike Müller) haben in meiner russischen Wahrnehmung sogar diese Zeilen von Vladislav Chodassevitsch in Erinnerung gerufen:

Und quietschend lief Wasser herab an der Wand,
Nicht leicht ist der Lauf an den Rohren entlang:
Für immer im Dunkel, für immer beengt,
In solch einer Dunkelheit, so sehr beengt...

Wir, die wir auf dem Grund des Hofes-Aquariums saßen, kletterten mit dem Blick an den erneuerten Ornamenten und Fensterrahmen nach oben und fanden uns im Innern eines nie gesehenen Instruments.

Im Übrigen muss man dieses architektonisch-musikalische Projekt nicht notwendigerweise mit verbalen Assoziationen verbinden. Aber wenn man den Innenhof eines Bürogebäudes in ein Musikinstrument verwandelt, dann gibt es den einmal gehörten Worten eines Dichters neue Bedeutung.

zerbrochen sind die harmonischen krüge,
die teller mit dem griechengesicht
die vergoldeten köpfe der klassiker –
aber der ton und das wasser drehen sich weiter
in den hütten der töpfer.

Beim Konzert von Hof Klang habe ich zum ersten Mal den tiefen Sinn des ersten Gedichts von Ernst Jandl verstanden. Der Ton – das sind die grün-blauen Ornamente des Hofes und die in ihm erklingende Musik. Also: der Hof Klang. Wer es in die Hütte von Steffen Kühn, dem künstlerischen Leiter des Projekts, zum Treffen der Epochen geschafft hat, hatte wirklich Glück.

Hof Klang 2011

Claudia Herr – Sopran

Gerd Schenker – Schlagzeug

CFM – Elektronik

Tobias Lampelzammer – Kontrabass

Sonar Quartett Berlin – Streichquartett

7.-9. Juli 2011, Höfe des Selterhauses und des Bosehauses

www.hofklang.de

Eine andere Veröffentlichung zu Hof Klang 2011:

Zu Architektur lauschen (Franziska Reif)

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