Julia Eichhorn | Drucken18.06.2019 

Fliegende Socken, eine gezähmte Hydra und
Erde essende Vögel

Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi legten auf ihrer Tour einen Open-Air-Stopp im Täubchenthal ein – und der hatte es in sich! Als Vorband spielte Vögel die Erde essen

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Käptn Peng (li.) mit Moritz Bossmann, dem Gitarristen und Sänger der Band Vögel die Erde essen (Foto: Dennis Osmanovic)

Besseres Wetter für dieses Open-Air-Konzert und eine euphorischere Stimmung hätte man sich nicht wünschen können. Im Täubchenthal wurden die Zuschauer schon ab Nachmittag von einem DJ-Set empfangen, um auf den Abend einzustimmen. Die leichte Festivalstimmung wurde von den liebevollen, bunten Sonnensegeln vor dem Bühnenbereich unterstützt. Die letzten Karten für das Konzert gingen wenige Tage zuvor über die Ladentheken und so verwunderte es nicht, trotz zeitiger Ankunft bereits viele Menschen vor und in der Location anzutreffen.

Als Vorband betrat Vögel die Erde Essen die Bühne. Genau wie Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi gehören sie zum selbst gegründeten Musiklabel „Kreismusik“. Die Berliner Band schaffte es mit ihren funkigen Rhythmen und ihren surf-artigen Melodien sofort, das Publikum zum Mitschwingen und Mitwippen zu bringen. Dabei präsentierten sie einige Songs ihres vor Kurzem erschienenen Albums „Die goldene Peitsche“. Doch auch einige Titel ihrer ersten Platte waren einigen Zuschauern bereits vertraut und brachten die Menge zum Tanzen. Im Publikum wurde vor allem über den mehrstimmigen Gesang der Band getuschelt. So dachte manch einer, die Bee Gees stünden leibhaftig vor einem. Andere suchten emsig eine Frau auf der Bühne, der man eine solch hohe Stimme eher zugeordnet hätte als den Sängern Moritz Bossmann und Jan Preissler. Diese übertrafen sich in der beinahe quietschig-hohen Gesangsdarbietung der vielschichtigen und mitunter von Witz geprägten Texte. Nach einer Dreiviertelstunde war ihr mitreißendes Set (leider schon) vorbei und sie kündigten Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi an. 2013 waren sie das letzte Mal zur Eröffnung des Täubchenthals hier. Entsprechend groß war die Aufregung und Euphorie.

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Die Vorband Vögel die Erde essen (Foto: Dennis Osmanovic)

Als Käptn Peng und seine Musiker die Bühne betreten, ertönen Applaus, Jubelschreie und Kreische durch die Menge. Doch als Peng ruhig das Intro des Songs „Pförtner“ vorträgt, lauscht das Publikum sofort still und andächtig. Was dann folgt, ist eine zweistündige Reise durch die Welt des Peng inklusive surrealer Texte und Mitsing-Refrains. Dabei bleiben kaum Wünsche offen, was die Songauswahl anbelangt. Das neuste Album „Das nullte Kapitel“ hält sich die Waage mit Songs aus dem ersten Album „Expedition ins O“. Dabei begeistern nicht nur Pengs unnachahmlich ironisch-sympathische Art, sein Groove und sein schelmisch-kluger Rap, sondern auch die Musiker der Tentakel von Delphi.

Ihre besondere Instrumentierung in Form selbstgebauter Instrumente ist faszinierend von der Idee bis hin zur Bespielung. Obwohl die Kombo bis auf einen Kurzauftritt in Berlin seit einem Dreivierteljahr keine Bühne bespielt hat, greift alles wunderbar ineinander. Dies liegt wohl auch daran, dass sie sich selbst als schüchterne Band beschreiben und dem Publikum daher gleich zu Beginn die Frage stellen, ob sie nicht ihre „neuen Freunde“ sein könnten. Natürlich ist das Publikum einverstanden! Peng, der das wunderbare Wetter lobt und seine Freude, hier zu sein, möchte die Menge ungerne mit “Täubchenthal” ansprechen. So wird kurzerhand ein neuer Name gefunden. Wild und laut werden Vorschläge zugerufen. Die Wahl fällt auf „Egon“ und so eint die gemeinsam tanzende, singende und mitgerissene Menge nunmehr ein gemeinsamer Name.

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Käptn Peng & Shaban (Foto: Dennis Osmanovic)

Das gesamte Konzert über gelingt es Peng und seinen Musikern, die Menge einzubinden. So gab es zuvor einen Aufruf auf Facebook, Songwünsche für bestimmte Städte äußern zu dürfen. Peng bedankt sich bei der Zuschauerin Sabine für ihren Vorschlag „Von Form zu Form“ – ein alter Klassiker von Käptn Peng & Shaban. Moment, Shaban? Ja! Shaban ist Schlagwerker der Tentakel von Delphi und so kommt das Publikum auch in den Genuss, Songs des Hip-Hop-Duos vom Album „Die Zähmung der Hydra“ zu hören. Auch eine weitere Person der Tentakel ist dem Publikum bereits vertraut. So sieht man Bossmann, den Gitarristen und Sänger von Vögel die Erde essen, wieder. Besonders laut werden die musikalischen Einsätze der Band bejubelt, aber auch die qualitativ schwankenden, doch immer unterhaltsamen Freestyle-Raps Pengs.

Große Mitsing-Sicherheit beweist das Publikum vor allem bei den Liebes-Schmonzetten „Tango im Treibsand“ und „Sie mögen sich“. Doch auch Ruhe zeichnet dieses Konzert aus. Als Peng in „Der Anfang ist nah“ ein lautes „Stopp“ ertönen lässt, nehmen dies alle auf der Bühne ernst. Alle verfallen in einen Freeze. Alle, bis auf einen Querflötenspieler, der in gänzlicher Ruhe sein Mikro aufbaut, dieses einstellt und das Publikum anschließend mit sonnenanbeterischen Klängen minutenlang bespielt. Die Zuschauer revanchieren sich für diese sinnhafte Untermalung des Textes, indem sie bei der „Sockosophie“ Socken durch die Lüfte werfen.

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Käptn Peng zur Aftershow im Täubchenthal (Foto: Julia Eichhorn)

Pünktlich 22 Uhr, wie es im Täubchenthal Tradition ist, beenden Peng und die Tentakel unter tosendem Applaus ihr Konzert, wobei sie vorher noch 15 Minuten Zugaben dargeboten haben. Doch dann die Überraschung: Peng kündigt an, ab 23 Uhr im kleinen Saal des Täubchenthals erstmalig als DJ aufzulegen – als DJ Star fireman.

Tatsächlich überbrücken zahlreiche Gäste die Wartezeit und nehmen diese einmalige Chance wahr. Obwohl die Musikauswahl Pengs nicht bunter sein könnte, bebt der gesamte Saal. Elektroswing, Hip-Hop, Drum and Bass, Flowerpowermusik. So vielschichtig, wie Pengs Texte sind, scheint auch sein Musikgeschmack zu sein. Bei derart vielen kreativen Einflüssen ist es kaum verwunderlich, wie weltoffen, entlarvend und ironisch seine Texte daherkommen. So rundet DJ Star fireman den Abend gewohnt publikumsnah ab und jeder kann sich noch eine kleine Peng-Dosis für den Heimweg mitnehmen, ohne über ein zu frühes Ende traurig zu sein. So schwebt man nach Hause – mit fliegenden Socken vor dem Auge, Querflöten-Klängen im Ohr und einem vollen und lachendem Herzen.

Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi

Vorband: Vögel die Erde essen

15. Juni 2019, Täubchenthal

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