Christoph Sramek | Drucken02.04.2019 

Vorbote der Erschütterungen

„Leipziger Disputation“ vor 500 Jahren: Eine CD-Einspielung der „Erdbebenmesse“ unter der Mitwirkung der Vokalensembles Amarcord und Calmus erinnert an das große Streitgespräch in der Pleißenburg am Anfang der Reformation

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Die Disputation Martin Luthers (rechts am Pult) mit Johannes Eck. Lichtdruck des Gemäldes von Julius Hübner aus den Jahren 1863 bis 1866, das bis zu seiner kriegsbedingten Zerstörung 1945 im Besitz der Dresdner Gemäldegalerie war. (Quelle: Wikimedia, gemeinfrei)

Große Umbrüche auf weltanschaulicher und politischer Ebene stehen oft in enger Verbindung zu Kunst und Literatur – in Vorbereitung, Durchführung und Auswirkungen. Das zeigten beispielsweise die vielfältigen zurückliegenden Aktivitäten zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation. Nun veranschaulicht das auch eine bemerkenswerte CD: die Leipziger Aufnahme von Antoine Brumels Missa „Et ecce terrae motus“ („Erdbebenmesse“) sowie weiterer Werke mit den Vokalensembles Amarcord und Calmus.

Die sächsische Musik- und Messestadt war von den unmittelbaren historischen Ereignissen vor allem berührt durch die „Leipziger Disputation“, ein von der Universität Leipzig veranstaltetes akademisches Streitgespräch. Vom 27. Juni bis zum 15. Juli 1519 standen sich – vor allem dank des aktiv beteiligten sächsischen Landesherrn Herzog Georg – im Schloss, der späteren Pleißenburg, der katholische Geistliche Johannes Eck aus Ingolstadt sowie auf protestantischer Seite die Wittenberger Theologen Martin Luther und Andreas Bodenstein von Karlstadt gegenüber. Statt der erwarteten umfänglichen Auseinandersetzungen über den Ablasshandel, den Luther bekanntlich in seinen 95 Thesen von 1517 in den Vordergrund gestellt hatte, gelang es Eck über viele Winkelzüge, Luthers prinzipiell kritische Haltung zur biblischen Wortauslegung des Papstes und des Konzils ans Tageslicht zu fördern und damit den Prozess des endgültigen Bruchs des Reformators mit Rom anzuheizen.

Vor dem Gefecht sangen die Thomaner

Noch vor dem ersten in Latein geführten Gefecht allerdings stand die Musik im Mittelpunkt, die noch eine Einheit über allem zu erwartenden Zwist zu beschwören schien. Unter Leitung seines Kantors Georg Rhau brachte der Thomanerchor in der Thomaskirche, der damaligen Stiftskirche der Augustiner Chorherren, eine zwölfstimmige lateinische Messe zur Aufführung, die in der Öffentlichkeit große Beachtung fand und die Thomaner fast schlagartig weit über Leipzig hinaus bekannt werden ließ. Wer dabei heute an die spätere Wirkmacht der protestantischen Kirchenmusik und Rhaus Nähe zur Reformation denkt, wird in diesem von starker Leistungsfähigkeit zeugenden Festakt mehr erkennen als nur eine erbauliche Geste: vielleicht einen Vorboten der folgenden Erschütterungen auch in der Musik.

Natürlich wäre es von besonderem Reiz, im Rahmen der dreitägigen Konferenz vom 5. bis zum 7. April 2019 zu „500 Jahre Leipziger Disputation“ sowie zum diesjährigen Bachfest diese vermutlich von Rhau komponierte Messe erneut erklingen zu lassen, so die Vorüberlegungen der Veranstalter. Doch sie ist bis heute unauffindbar, womit auch ungeklärt bleibt, wer sie komponiert hat. Der entdeckungsfreudige Intendant des Bachfestes, Dr. Michael Maul, wusste allerdings Rat. Er brachte die einzige aus damaliger Zeit erhaltene zwölfstimmige Missa „Et ecce terrae motus“ von Antoine Brumel ins Spiel, da Rhau zumindest Motetten des französischen Komponisten nachweislich gekannt und sogar im Druck herausgegeben hatte. Warum sollte er nicht auf dieses Werk seines Zeitgenossen zurückgegriffen haben?

Außerdem boten sich für eine Aufführung die beiden Leipziger Vokalensembles Amarcord und Calmus an, an denen hauptsächlich ehemalige Thomaner mitwirken. Tatsächlich ist diese Messe nun – mit Unterstützung der Sopranistinnen Anna Kellnhofer und Isabel Schicketanz – am 16. Juni in Leipzig zu erleben, nachdem sie bereits 2017 in der Thomaskirche erklang und jetzt auch auf CD erschienen ist, gewissermaßen als musikalischer Diskussionsbeitrag zur Konferenz.

Von der Kraft des Unsagbaren

Der originale Kirchenraum, die daraus hervorgegangene, adäquate Stimmbildung der hervorragend agierenden Interpreten sowie das ohnehin äußerst klangprächtige Werk geben großartige Eindrücke vom einstigen, weltverändernden Geschehen und zeugen von der Kraft des letztlich Unsagbaren. Besonders berühren die symbolträchtigen Wechsel von hohen und tiefen Passagen, die unterschiedlichen klanglichen Dichtegrade bis hin zum Solo, die überraschenden rhythmischen Kontraste sowie die Feinheiten im Wort-Ton-Verhältnis.

Eine beachtliche Herausforderung für die Rezipienten besteht allerdings darin, dass die traditionell feststehenden Abschnitte dieser vom Ostergeschehen ausgehenden Messe auf originelle Weise mit variablen Teilen verzahnt sind. Einstimmige gregorianische Weisen sowie Werke katholischer und evangelisch ausgerichteter Komponisten jener Zeit sind einbezogen. Dadurch kommt es zu spürbaren stilistischen Brüchen, ja, (denk-)anstößigen tektonischen Beben, etwa beim plötzlichen Auftauchen der deutschen Sprache, der Übereinanderschichtung von bis zu drei Texten, dem Eindringen homophon gesetzter Strukturen in die kunstvolle Polyphonie. Befördert wird dieser opulente gestalterische Reichtum zudem von der partiellen Gegenüberstellung der beiden Ensembles mit ihrer unterschiedlichen Besetzung – einerseits auch mit einer Frauenstimme und andererseits mit einem Altus neben den zwei zusätzlichen Sopranistinnen. Und doch, im Gesamtklangbild dominiert ein Gefühl der Zusammengehörigkeit des Ganzen, eine faszinierende Einheitlichkeit, die als Statement, als tief berührender Appell, gar als Vision verstanden werden kann.

Was schon Luther Menschen deftig ins Stammbuch schrieb, die sich für ausdrucksstarke, derart wirkungsvolle Musik nicht begeistern, mag auch hier gelten: „Wer aber dazu kein lust noch liebe hat und durch solch lieblich Wunderwerck nicht bewegt wird, das mus warlich ein grober Klotz sein“.

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Leipziger Disputation

CD mit den Leipziger Vokalensembles Amarcord und Calmus

Sopranistinnen: Anna Kellnhofer, Isabel Schicketanz

10 Werke, unter anderem Missa „Et ecce terrae motus“ ("Erdbebenmesse") von Antoine Brumel. Weitere Komponisten: Josquin des Préz (1450-1521), Johann Walter (1496-1570), Cipriano de Rore (1515/16-1565), Thomas Stoltzer (ca. 1480-1526), Nicolas Gombert (ca. 1495-ca. 1560)

Erschienen am 8. März 2019 im Carus-Verlag


Festkonzert 500 Jahre Leipziger Disputation

Mit den Leipziger Vokalensembles Amarcord und Calmus und den Sopranistinnen Anna Kellnhofer und Isabel Schicketanz

Sonntag, 16. Juni 2019, Thomaskirche, Tickets: 19 bis 52 Euro

Weitere Informationen auf der Website des Bachfestes

„Streiten lernen mit Luther – Reformationsgeschichte mit Gesellschaftsrelevanz“

Tagung zum Jubiläum "500 Jahre Leipziger Disputation"

Veranstalter: Forum Reformation e. V.

5. bis 7. April 2019, Paulinum Aula/Universitätskirche, 69 Euro

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