Svenja Kollenda | Drucken06.05.2019 

Gegensätzlich und doch vertraut

Der Gewandhauschor und Experimentalmusiker Martin Kohlstedt weihen mit ihrem gemeinsamen Projekt „Ströme“ den Leipziger Konzertort Philippuskirche ein

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Martin Kohlstedt (links am Flügel) mit dem Gewandhauschor und dessen Leiter Gregor Meyer in der Lindenauer Philippuskirche. (Foto: Pierre Tannert)

Nach umfassenden Sanierungsarbeiten wurde die ehemalige evangelische Philippuskirche im Leipziger Stadtteil Lindenau am vergangenen Samstagabend mit einem außergewöhnlichen musikalischen Projekt als vielseitige Veranstaltungsstätte eingeweiht. Unter der Leitung von Gregor Meyer traf der Gewandhauschor auf den Weimarer Pianisten und Komponisten Martin Kohlstedt, um das gemeinsame Album „Ströme“ vorzustellen, das soeben bei Warner Classics erschienen ist.

Längst ist der 31-jährige Experimentalmusiker auch außerhalb der mitteldeutschen Szene verankert. Auftritte hatte er bereits in der Russischen Staatsbibliothek und der Hamburger Elbphilharmonie. Seine Konzerte leben dabei besonders von der Improvisation. Weder die ZuschauerInnen noch Kohlstedt selbst wissen zu Beginn einer Show, was sie erwartet. Die Spontaneität soll dabei feste Strukturen aufbrechen.

Dies hatten sich Kohlstedt und der Gewandhauschor auch beim neuen Album „Ströme“ zum Ziel gesetzt. Das Projekt, so erzählt der Musiker während des Konzerts, startete bereits vor circa zwei Jahren, als er einen Anruf aus dem Gewandhaus erhielt, um in der Reihe „Two play to play“ mit den Leipzigern zusammenzuarbeiten. Anspruch dieses Projekts ist es, MusikerInnen des Gewandhauses mit MusikerInnen der freien Szene aufeinandertreffen und miteinander ins Gespräch kommen zu lassen, dabei die Arbeit des anderen kennenzulernen, gemeinsam ein neues Werk zu entwickeln, aufzuzeichnen und zur Aufführung zu bringen. Sogar eine Tour schließt sich nun an, die in der Philippuskirche ihren Auftakt hat. Mittlerweile sei zwischen den GewandhausmusikerInnen und ihm eine richtige Freundschaft entstanden, erzählt Kohlstedt. Die Vertrautheit ist an diesem Abend deutlich zu spüren.

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Martin Kohlstedt, Archivbild. (Foto: Patrick Richter)

Mit gewohnt experimentellen Klängen schafft es Kohlstedt bereits zu Beginn, die Atmosphäre der kirchlichen Räumlichkeiten spürbar werden zu lassen. Der Mix aus Synthesizern und Klavier lässt die Spannung auf den ersten Einsatz des Chores steigen. Dieser geht dann mit nur einem Vokal direkt unter die Haut. Werden die Klänge ruhiger, so spürt man förmlich, wie das Publikum die Luft anhält. Erst als Kohlstedt sich für eine kleine Ansprache erhebt, brechen die ZuschauerInnen das Schweigen mit einem ausgiebigen Applaus. Der Pianist, von der Begeisterung der Masse sichtlich ergriffen, findet zunächst kaum Worte für die Begrüßungsrede. Dann erzählt er von der Schwierigkeit, die die Kombination der beiden musikalischen Welten mit sich bringt. Sowohl Kohlstedt mit seinem elektronisch geprägten und spontanen Stil als auch der Gewandhauschor mit seinen klassischen Wurzeln müssen sich mit großer Konzentration und Improvisationskunst aufeinander einlassen.

Der Chor zeigt sich dabei – ganz in schwarz gekleidet – gewohnt professionell. Mitunter bewegen sich die SängerInnen beinahe wie ferngesteuert durch die Räumlichkeiten der Kirche und schreien unerwartet auf. Dabei passen sie sich immer den Klängen Kohlstedts an, die auch mal lauter und düster werden. Zu seinen Marionetten werden sie aber keinesfalls. Ganz im Gegenteil: Mit seinen souveränen Gesangseinlagen trägt der Gewandhauchor dazu bei, dass die Gänsehaut an diesem Abend nicht schwindet.

Der Vergleich mit dem Album zeigt sich, wie stark das Konzert von Improvisation durchdrungen ist. Auch das macht das Projekt „Ströme“ und diese Tour so besonders. Jedes Konzert verspricht ein einmaliges Erlebnis.

Ströme

Release-Konzert zum neuen gleichnamigen Album

von Martin Kohlstedt und dem Gewandhauschor

4. Mai 2019, Philippuskirche

„Ströme“-Album hören
„Ströme“-Tour: Termine und Tickets

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