Michael Fürch | Drucken30.04.2018 

Die Stille nach dem Schluss

Das Dresdner Duo Søjus1 beeindruckt im Noch Besser Leben

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Das Duo Søjus1 im Noch Besser Leben in der Karl-Heine-Straße. Unterstützt wurden es durch die Stimmen von Anna-Lucia oder Michael Noack. (Foto: Michael Fürch)

„It’s a sad and beautiful world.“ Das sagt Roberto Benigni in dem wunderbaren Film „Down By Law“ (Regie: Jim Jarmusch, 1986) zu Tom Waits. Der hockt schwer frustriert vorm Haus, seine Freundin hat ihn rausgeschmissen, und Benigni versucht ihn unbeholfen aufzumuntern. Genau dieses Filmzitat kommt mir in den Sinn, als die letzten Töne der insgesamt elf Stücke des Konzertes verebbt sind. Die Musik von Søjus1 transportiert nämlich genau dies, das Duo erzählt von den essentiellen und großen Gefühlen – von Trauer, Schmerz, Verlust, Liebe, Hoffnung – und bietet dabei gleichzeitig Trost, Erlösung und das Versprechen auf Heilung. Dies wunderbarerweise ganz ohne Pathos oder Kitsch – nur tief berührend.

Die Entstehung ihres selbstbetitelten Albums aus dem Jahr 2015, aus dem sich an diesem Abend sämtliche bis auf drei neue Stücke speisen, hat eine Geschichte. Und zwar eine traurige. Ralf Möller (Elektronik) und Simon Arnold (Drums) lernten sich bei der Abschiedsparty eines gemeinsamen Freundes kennen, der schwer erkrankt war. Der ursprüngliche Plan, ein Album aus den Texten und Gedichten ihres mittlerweile verstorbenen Freundes zu machen, mündete in ein Werk, das nun grundsätzlich über die Spuren spricht, die ein Mensch in dieser Welt hinterlässt, wenn er geht.

Musikalisch treffen hier Ansätze aufeinander, die im ersten Moment schwer vereinbar erscheinen. Das Dresdner Duo kommt aus sehr verschiedenen Ecken: Ralf Müller tourte lang als DJ Sonorous mit House und Elektro um den Globus und remixte unter anderem Sinéad O’Connor und Heather Nova. Simon Arnold ist Jazz-Schlagzeuger, war Mitglied des Matthias Rethberg Trios und schrieb Filmmusiken. Die klangliche Synthese dieser divergenten Stile wurde nach Erscheinen des Albums als überaus gelungene Mischung gefeiert, in der die Soundästhetiken von Granden wie Portishead, Massive Attack und DJ Shadow in spannender Weise kulminieren.

Getragen wird die Musik von synkopierten Live-Beats, die oft in einem Tempo weit unter 100 bpm dräuend daher shuffeln und an die rhythmische Grundfärbung vieler Stücke der Slowcore-Band Bohren & Der Club Of Gore erinnern. Die filigranen Texturen, die Ralf Möller aus dem Rechner darüberlegt – Loops, Samples (zum Beispiel Zitate von Charlie Chaplin aus dem „Großen Diktator“), Field Recordings und Voice-over-Passagen – korrespondieren melodisch, oft aber auch bewusst kontrastierend und erzeugen eine akustische Leinwand im Cinemascope-Format. Ergänzt wird dies in den meisten Stücken entweder durch den sehnsüchtig-verhuschten Gesang von Anna-Lucia oder der markant-sonoren Sprecherstimme von Michael Noack. Das klingt dann manchmal wie die melancholischen Theater-Kompositionen von Apparat („Krieg und Frieden“), erinnert andererseits an schlafwandelnde Triphop-Songs, überrascht in der Dramaturgie letztlich aber sehr oft mit euphorischen Auflösungen, die aus der Feder von Coldplay stammen könnten – richtig glitzernde Pop-Perlen. Zusätzlich eröffnen die poetischen Visuals von Franziska und Sophia Hoffmann dem Zuhörer einen weiteren, assoziativen Raum, um den eigenen Gefühlen nachzuspüren.

Man muss sich einlassen wollen auf diese Musik, diese Kunst. Und auch können, denn es erfordert Mut, sie ganz in sich hinein zu lassen, schließlich spricht sie direkt zum Herzen, ohne Umwege und dies ist nicht jedermanns Sache. Jene Gleichzeitigkeit von Schmerz und Glück, Wut und Sanftheit, Wunsch und Wirklichkeit gilt es auszuhalten. Belohnt wird man jedoch durch Einsichten ins Leben schlechthin, seines eigenen natürlich auch, erkennt und umarmt idealerweise liebevoll sämtliche Ambivalenzen der conditio humana. Begreift: Es gibt kein Entweder-oder, sondern immer nur ein Sowohl-als-auch. Diese Erkenntnis berührt tief. Sehr tief. Das beweist die überlaute Stille, die im Publikum zu spüren ist, als der letzte Ton an diesem Abend ausklingt.

An dieser Stelle ist auch ein ganz herzliches Dankschön an das Team und Booking des Noch Besser Leben zu richten. Seit einiger Zeit schon bieten sie in ihrer wohnzimmergroßen Location in der Karl-Heine-Straße die Möglichkeit, fantastische musikalische Entdeckungen zu machen. Und dies alles nach dem Motto „Pay what you want“: Am Ende jedes Konzertes geht ein Hut (genauer: Karton) rum, in dem man bei Gefallen einen Obolus nach Wahl hinterlassen kann. Aber niemals muss.

Wer das großartige Duo Søjus1 im Noch Besser Leben verpasst hat und nun interessiert ist: Am 4. Mai bietet sich im Dresdner Jazzclub Tonne erneut die Chance, es live zu erleben.

Søjus1 im Konzert

27. April 2018, Noch Besser Leben

Website von Søjus1 mit weiteren Konzertterminen

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